Zur Person Marina Abramovic. Die unerbittliche Schmerzensfrau

Die inzwischen 78-jährige Künstlerin Marina Abramovic ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie gilt als Begründerin der modernen Performance und hat mit ihren legendären Auftritten Kunstgeschichte geschrieben. Aktuell ist ihr in der Wiener Albertina modern eine Ausstellung gewidmet.

Wer 1997 auf der Biennale in Venedig war, dem jagt der Gedanke an dieses Bild und diesen Ton noch heute die Gänsehaut über den Körper. Da sitzt Marina Abramović im finsteren Keller inmitten eines Knochenberges, schabt mit einer scharfen Klinge stinkende Fleischreste von einem Rinderknochen und singt dazu Partisanenlieder aus ihrer Kindheit.

Für „Balkan Baroque“, ihre Reaktion auf den Jugoslawienkrieg, bekam die 1946 in Belgrad geborene Künstlerin dann auch den Goldenen Löwen. Eine von vielen Auszeichnungen – eine von vielen Ausstellungen an den wichtigsten Kunstorten der Welt.

Marina Abramović hat Hochkonjunktur, ihre Biografie verwandelte Theaterikone Bob Wilson in ein Theaterstück, die Performance erlebt eine Renaissance.

Abramovićs Kunst geht unter die Haut – die der Künstlerin, die des Publikums. Sie nimmt den Schmerz bei ihren Performances nicht in Kauf, sie sucht ihn. Sie ritzt sich den roten Stern ihrer kommunistischen Jugend in die Bauchdecke, sitzt mehr als 700 Stunden bewegungslos auf einem Sessel im MOMA, oder liegt nackt auf Eisblöcken oder in einem brennenden Ring. Sie trennt sich von ihrem langjährigen Lebenspartner Ulay, indem sich die beiden 90 Tage lang aufeinander zu bewegten, wobei das Treffen am Ende den endgültigen Abschied bedeutete. „Bei lebendigem Leib“ setzt sich die inzwischen 66-jährige der Gewalt dieser Gesellschaft, den Zumutungen dieses Lebens aus. Voll Pathos, Leidenschaft und traumhaft/albtraumhaft schönen Bildern, in die sie ihren – oft nackten – Körper immer wieder zwingt. Bei gleichbleibender Intensität bis heute.

Yoko Ono: die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt

Zur Person Yoko Ono
Die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt. Nur langsam ändert sich ihr Image. Yoko Ono ist noch immer eher als Ehefrau John Lennons im kollektiven Gedächtnis abgespeichert, denn als höchst eigenwillige Avantgarde-Künstlerin.
Dabei wird gern vergessen, dass Yoko, die Tochter aus gutem japanischen Haus – sie ist mit den Kindern des Tenno in die Schule gegangen – eine hochproduktive und anerkannte Künstlerin und Musikerin war, als sie der Beatle 1966 in einer Londoner Galerie kennenlernte. Sie gehörte zur New Yorker Fluxus Bewegung, die Kunst wegbringen wollte von ihrem Status als teure Trophäe der Eliten – und zurückbringen, mitten hinein ins Leben. Sie war Avantgarde-Musikerin im Umfeld von John Cage, der ihr sein berühmtes Stück 4’33“ gewidmet hat. Und sie war eine Frau, eine ausländische Künstlerin in einer männlich dominierten Kunstwelt, früh mit Fragen der Emanzipation konfrontiert. Erst in den letzten 20 Jahren hat man den enormen Schatz an so gesellschaftskritischen wie poetischen Kunstwerken immer wieder gehoben, neu bewertet und in diversen Ausstellungen gezeigt. Bis Ende August läuft noch eine große Einzelschau der 92-jährigen im Gropius Bau in Berlin. Eine neue Biografie gibt es auch. Ein guter Anlass dafür, unser Yoko Ono Portrait aus dem Jahr 2014, für das wir uns länger mit ihr unterhalten konnten, jetzt mit einem Gespräch mit dem Bestsellerautor und Yoko Ono Biografen David Sheff zu ergänzen. Er hat John und Yoko 1980 kennengelernt, kurz vor John Lennons Ermordung und sie auch danach noch des öfteren getroffen. Die Erzählungen aus seinem Buch sind also zu einem großen Teil aus erster Hand, ergänzt durch penible Recherchen und nahe Einblicke. John Lennons Schatten mag lang sein – von ihm stammt übrigens der Ausspruch, den wir als Sendungstitel gewählt haben – aber die Künstlerin Yoko Ono lässt sich heute nicht mehr übersehen.

Diagonal Stadtporträt Addis Abeba – Afrikas Drehscheibe im Umbruch

Addis Abeba, „die neue Blume“ nannten sie ihre Gründer in den 1880er Jahren. Dass sich die Stadt in nur eineinhalb Jahrhunderten zu einem wichtigen Hub des Kontinents entwickeln würde, erahnte man noch nicht. In Addis Abeba befindet sich heute der Sitz der Afrikanischen Union, AU. Nicht nur das Gebäude der Union ist hochmodern. Auch sonst wächst in der Stadt vieles in den Himmel.

Eigentlich hatte Addis bäuerliche Wurzeln. Daran erinnern heute auch die Wochenmärkte, vor allem der gigantisch große Mercato. Hier zeigt sich der Unternehmergeist der Stadt und des ganzen Landes. Er ist einer der größten offenen Marktplätze Afrikas, das wirtschaftliche Herz der Metropole. Eine halbe Million Menschen besucht ihn täglich, an die 10.000 Arbeitsplätze dürfte er zählen.

Die skyline von Addis Abeba, die Metro, die breiten Straßen mit viel zu viel Verkehr darauf, werden durch ein schier endloses Immergleiches, einen dörflichen Häuserbrei bis an die Stadtränder konterkariert. Doch der Zuzug von Menschen aus allen Landesteilen, vorwiegend junger, er hört nicht auf. Das alles passiert auf einer Höhe von über 2000 Meter – Addis ist die höchstgelegene Großstadt Afrikas. Und Äthiopien die einzige Nation südlich der Sahara ohne koloniale Vergangenheit. Jedoch, die Italiener haben ihre Spuren hinterlassen. Der Abessinienkrieg vor 90 Jahren war ein völkerrechtswidriger Angriffs- und Eroberungskrieg des faschistischen Königreichs Italien gegen das Kaiserreich Abessinien (Äthiopien) in Ostafrika – ein Eroberungsfeldzug. Eine fünfjährige Besetzung durch Mussolinis Italien folgte. Der District Piazza (oder Piassa) im Zentrum der Stadt erinnert daran.

Addis Abeba ist auch Universitätsstadt, mit hervorragenden Fakultäten, etwa für Architektur. Und das National Museum zeigt mit einem Fokus auf die Wiege der Menschheit einen Überblick der Funde von Frühmenschen. Und schließlich nicht zu vergessen: überall im Stadtbild und in der Geschichte des Landes sind die politischen und religiösen Spuren des letzten Kaisers von Äthiopien zu finden. Der „König der Könige“, der „Löwe von Juda“, der „Auserwählte Gottes“: Haile Selassie. Einerseits spielte er eine Schlüsselrolle in der Modernisierung und Reformierung Äthiopiens. Anderseits warfen ihm Kritiker vor, soziale Ungleichheiten ignoriert und die politische Opposition unterdrückt zu haben. Trotz seines umstrittenen Erbes bleibt er eine zentrale Figur der afrikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Ansage mit Wirkung. Diagonal zum Thema: das Manifest

Habe Weltveränderndes vor und gieße es in ein Dokument! Vom Futuristischen Manifest über das Kommunistische Manifest bis zum Antropophagischen Manifest oder Dogma 95 – haben Künstler und Aktivisten ihre Ideen festgehalten und mit dem dringenden Appell versehen, man möge aufgestellten Forderungen doch bitte nachkommen.

Definition, Programm, Statut, Gebot. Was wollen Manifeste und wer hält sich daran? Schreibt doch André Breton in seinem Surrealistischen Manifest: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“. Aber gleich darauf: „Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen …“ Anders verhält es sich wohl mit dem mittlerweile mehr als 500 Millionen mal verkauften „Manifest der Kommunistischen Partei“ – die halbe Welt hat zeitweise versucht, dessen programmatische Ziele tatsächlich zu erreichen. 101 Jahre nach Veröffentlichung des surrealistischen Manifests, untersuchen wir Wollen und Wirkungsmacht, Wohl und Wehe von Manifesten, die eines ganz sicher dokumentieren: den jeweiligen Zeitgeist.

Casanova – der Augenblicksvielfraß

In den Worten von Stefan Zweig war er: heißer Triebmensch, leere Seifenblase, erotischer Spielmensch, Mannstier, göttlicher Frechling, Frauenvielfraß, Mannshengst, Hans Dampf, Stier, phallischer Triumphator, passionierter Genussmensch, aber auch – schlicht und nicht ohne Herablassung: „unser guter Giacomo“. Dass er die Memoiren des Praktikers und Lebenskünstlers „nicht ohne rabiaten Neid gelesen“ hat, gibt Zweig, der Geistesmensch, zu und schreibt sich ob der Anzahl seiner Geliebten in Rage: „So bleibt von den unzähligen Henrietten, Irenen, Babetten, Mariuccias, Ermelinen, Markolinen, Ignazias, Lucias, Esthers, Saras, und Klaras nicht viel anderes zurück als ein fleischfarbenes Gelee warmer, wollüstiger Frauenkörper.“

In jüngeren Biografien ist von einem hochvernetzten Zeitgenossen die Rede, der „alle Umbrüche in Europa verfolgt und kommentiert, von der russischen Annexion der Krim bis zur endgültigen Aufteilung Polens, vom Sturm auf die Bastille bis zum Untergang der Republik Venedig. Der so gebildete wie informierte Intellektuelle liest regelmäßig Zeitung und ist über zahlreiche Korrespondenten mit ganz Europa verbunden.“

Vor 300 Jahren wurde der selbsternannte „Chevalier de Seingalt“ in Venedig geboren. Mit 31 Jahren floh er aus den vermeintlich ausbruchssicheren Bleikammern des Dogenpalasts. Im Alter – mit der Veröffentlichung seiner erotisch wie politisch eindrücklich geschilderten Memoiren – wurde er berühmt und zum geflügelten Wort (alias Verführer, Schürzenjäger). Bis heute sorgt der barocke Frauenheld, Glücksspieler und Gelehrte für Stoff und Projektion. Mehr als 3600 Publikationen kursieren über ihn.

Ins Netz gegangen – Diagonal zum Thema Spinnen

38.000 Arten, acht Beine und viele Augen. Sie sind überall und trotzdem unterrepräsentiert. Wer kümmert sich schon um Spinnen? Dabei ist der Einfluss der Spinnen auf unsere Sprache und Träume, unser Wissen und unsere Geschichte enorm. Die Spinne. Ein zoologisch wie symbolisch ergiebiges Tier.
Spinnen haben in unserer Gesellschaft nicht den besten Ruf. Vielen gruselt es schon bei dem Wort, dabei gibt es ganz wenige, die echt gefährlich sind. Die Achtbeiner, die nicht zu den Insekten gehören, sollen, so lautet das weitverbreitete Vorurteil, ihre Männer morden und ihre Kinder malträtieren. Das gibt seit Jahrtausenden Stoff für Geschlechterauseinandersetzungen: erotisch, gefährlich und garstig sind die Zuschreibungen patriarchal geprägter Männer für die doch meist recht selbständigen Frauen, die in Literatur und Film, Psychologie und Philosophie als „Spinnenartige“ bezeichnet werden, ihre verhängnisvollen oder rettenden Fäden ziehen. Die Spinne ist aber auch Ahnherrin all jener, die über ihre gesponnenen Fäden zu verbinden wissen. Die Philosophin Donna Haraway ersehnt das nach der kalifornischen Spinne: Pimoa cthulhu benannte Chthuluzän. Louise Bourgeois erweist ihr in einer der berühmtesten Skulpturen des 20. Jahrhunderts eine Reverenz. „Maman“ – eine ihrer Mutter gewidmete gebäudegroße Spinne etwa am Vorplatz des Guggenheim Museums in Bilbao. Bourgeois schreibt: „Meine Mutter war wie Spinnen sehr schlau. Spinnen sind freundliche Geschöpfe, die Mücken fressen. Wir wissen, dass Mücken Krankheiten verbreiten und daher unerwünscht sind. Spinnen sind also hilfreich und beschützerisch, genau wie meine Mutter.“ Wer wollte ihr widersprechen …

Zur Person Friedensreich Hundertwasser

Diagonal 8.2.2025 gemeinsam mit Anna Soucek
„Hütet euch vor der geraden und vor der betrunkenen Linie. Aber besonders vor der geraden Linie. Die gerade Linie führt zum Untergang der Menschheit“, postulierte Friedensreich Hundertwasser 1963 und feuerte damit seinen Frontalangriff auf die Rigidität der Moderne an, den er mit seinem „verschimmelungsmanifest gegen den rationalismus in der architektur“ lanciert hatte und der in gegen Ikonen der Wiener Moderne wetternden Nacktreden Fortsetzung fand.
1928 als Friedrich Stowasser in Wien geboren, überlebte er den Holocaust gemeinsam mit seiner jüdischen Mutter Elsa. In der Nachkriegszeit stieg Hundertwasser zu einem der führenden Künstler seiner Zeit auf. Die Spirale als wiederkehrendes Motiv, die bunten Farben, die mäandernden Linien wurden zu seinen Markenzeichen und zieren heute noch so manches Merchandise-Produkt.
Mit dem Hundertwasserhaus in Wien konnte der Künstler seine architektonischen Ideen – etwa begrünte Dächer und das „Fensterrecht“ – in einem kommunalen Wohnbau umsetzen. Die Anlage in der Löwengasse wurde gleich nach Errichtung 1986 zum Anziehungspunkt für Touristen – 70.000 kamen zur Eröffnung – und ist heute noch eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt. In Architekturkreisen galt Hundertwasser jedoch als Oberflächenbehübscher mit Hang zum Kitsch. Ist diese Ablehnung in informierten Kreisen heute noch gültig oder werden seine Ideen von einer jungen Architekten-Generation gewürdigt? Was macht Hundertwassers ungebrochene Popularität aus? Und welchen Stellenwert nimmt sein Schaffen international ein?
Anlässlich des 25. Todestages des Künstlers fragen wir bei Künstlerinnen, Architekten und Designerinnen nach, welche Strahlkraft Hundertwassers Vision von einem naturnahen Bauen heute hat; wir unternehmen Ausflüge nach Neuseeland, wo er 150.000 Bäume gepflanzt hat, in seinen Garten Eden auf der venezianischen Insel Giudecca und nach Tulln, wo das Schiff „Regentag“ vor Anker liegt. Zu hören sind aber auch Stimmen, die den Mythos Hundertwasser kritisch betrachten. Denn auch die gibt es nach wie vor.

Rutger Bregman – Utopist für Realist:innen

Diagonal zur Person: Rutger Bregman, Historiker, Autor, Aktivist. Mit seinem Bestseller „Im Grunde gut“ (2020) widerspricht der niederländische Historiker Rutger Bregmann der gängigen abendländischen Denktradition, dass der Mensch des Menschen Wolf sei und leistet sich den Glauben an das Gute.

Zahlreiche Beispiele in dem Buch zeigen: auch, wenn es schwer zu glauben ist, der Mensch sei im Grunde gut, hilfsbereit, empathisch, kooperativ. Für den 1988 geborenen Bregman ist die Menschheit nicht durch das „survival of the fittest“ weitergekommen, sondern mit Rousseau durch das „survival of the friendliest“ und er gibt zahlreiche historisch belegte Beispiele dafür.

Er erzählt etwa über eine Gruppe von Jugendlichen, die es 1965 bei einem missglückten Segeltörn auf eine unbewohnte Insel im Pazifik verschlägt. Anders als im abendländischen pessimistischen Denken zu erwarten war und anders als in William Goldings Erzählung „Herr der Fliegen“ erzählt, zerfleischen sich die jungen Burschen aber nicht gegenseitig, sondern schaffen es, sich über ein Jahr lang gemeinsam bis zu ihrer Rettung am Leben zu halten. Als ein australischer Filmemacher die Geschichte verfilmen will, findet er dafür keine Finanzierung und das Abenteuer gerät in Vergessenheit. Bregmans Fazit: niemand interessiert sich für das Gute im Menschen. Medien, Filmindustrie, Literatur stürzen sich mit wollüstiger Wonne auf die Bösartigkeiten und werden dafür mit Clicks, Käuferinnen und Publikum belohnt. Schließlich ist Empörung die Währung der Stunde in der Aufmerksamkeitsökonomie.

Rutger Bregman versucht eine Ehrenrettung unserer Gattung und liefert in seinen anderen Büchern und Texten Ideen für neue Arbeitswelten, Steuergerechtigkeit und den Umgang mit der Umweltkatastrophe. „Wenn das Wasser kommt“ lautet sein Buch dazu aus 2021, „Moralische Ambitionen“ sein jüngstes Buch über Menschen, die ihre Ideale nicht nur hochhielten, sondern auch lebten. Nur eines kommt für ihn nicht in Frage: den Kopf in den Sand stecken und nichts tun.

Der europäische Anarchist Medardo Rosso im Museum Moderner Kunst in Wien

Ein europäischer Freigeist. In Wien feiert das mumok zur Zeit einen Künstler, der als „Erfinder der modernen Skulptur“ gilt und doch den wenigsten bekannt ist: der Italiener Medardo Rosso war ein Zeitgenosse Rodins und der Impressionisten und galt lange als Geheimtipp. Jetzt wird er als Vordenker der Moderne gehandelt. Im Museum Moderner Kunst ist Medardo Rosso nun eine umfassende Retrospektive gewidmet. Seine revolutionären Skulpturen werden dabei Meisterwerken von damals und heute gegenübergestellt.