Liebe. Zwischen Romantik, Algorithmus und politischer Agenda. In Vorbereitung

Liebe als brennend aktuelles Thema für eine feuilletonistische Sendung? Das mag Ihnen jetzt vielleicht aberwitzig erscheinen. Denn: Wann war sie das nicht? Brennend aktuell! Schließlich erzählen gefühlte 99% aller Songs oder Romane aller Epochen vom Gefühl der Gefühle und dem Drumherum. Aber: In Zeiten wie diesen scheint es angebracht, die Liebe neu zu verhandeln.

Die Soziologin Eva Illouz schreibt in ihrem neuen Buch „Wa(h)re Gefühle“ über Liebe als Konsumgut. Begehren-, Macht- und Geschlechterverhältnisse sind nicht zuletzt duch „#MeToo“ ordentlich durcheinander geraten. Partnerschaftsbörsen und Dating-Plattformen haben die Mechanismen des Kennenlernens revolutioniert und das Hochzeitsbusiness brummt.

Im vergangenen Jahr gab es in Österreich 9% mehr Eheschließungen als im Jahr davor. Die Scheidungsrate sinkt.
Sogar in der Kunst, die lange einen weiten Bogen um das verfängliche Thema gemacht hat, mehren sich die Zeichen für eine Liebesoffensive. Die Idee: Eine Gesellschaft, die sich in Fragen der Identität in immer kleinere Fragmente teilt, braucht das Verbindende.

Etwas, das fähig ist, die Festungsmauern rund um das eigene Ich zum Einsturz zu bringen. Die Kunstaktivisten der „Army of Love“ loten aus, wie man Liebe jenseits der romantischen Paarverbindung leben könnte, als politisches Instrument gegen Vereinzelung, Vereinsamung und Einzelinteressen, für Inklusion.
Aber: Kann man Liebe lernen? Den Versuch wäre es wohl wert.

Die Jakob Lena Knebl Radioshow über Kunst, Design und gleich das ganze Leben.

Die Verwirrung im Namen ist Programm: Obwohl ihr Erscheinungsbild auf eine weibliche Biografie schließen lassen würde, geht Jakob Lena Knebl solchen Eindeutigkeiten unbedingt aus dem Weg und präsentiert sich oft auch als Künstler. Mit so schrägen wie lustvollen Performances ist Knebl, Senior Artist an der Akademie der bildenden Künste in Wien, aufgefallen. Da zeigt ihr üppiger nackter (Frauen-)Körper etwa eine Bemalung á la Mondrian oder Picasso. Da verführt sie mit Lack und Glitzer oder macht aus sich ein edles Polstermöbel. Ein glamouröser Mix aus Kunst und Design, Mode, Popkultur und Burleske. Was ausschaut wie ein Spiel, ist es auch – vermittelt so aber auf elegant verführerische Weise ihr Nachdenken über Körper, Schönheit, Begehren oder Altern.

Höhepunkt der Karriere und des Publikumsgenusses: eine von Jakob Lena Knebl gestaltete Ausstellung im Museum Moderner Kunst in Wien, wo sie die Kunstgeschichte reizvoll ins Heute bringt, einer Giacometti-Figur schon einmal einen roten Mantel anzieht oder sich selbst in ein Botero-Gemälde implementiert. Für die Radioshow entscheidet sich Jakob Lena Knebl, die Mode bei Raf Simons und Bildhauerei bei Heimo Zobernig studiert hat, gemeinsam mit der Diagonal-Redaktion für akustische Ausflüge quer durch Design, Mode, Kunst und Musik. Glamourfaktor: XXL!

Israel – Hula Hoop mit Stacheldraht

Eine junge Frau steht nackt am Strand von Tel Aviv. Um ihre Hüften lässt sie einen Hula Hoop Reifen kreisen. Es ist ein Reifen aus Stacheldraht, der blutunterlaufene Flecken auf ihrer Haut hinterlässt, den Körper der jungen Frau mit jeder neuen Kreisbewegung ein wenig mehr verletzt und aufreibt. Nur der Strand, sagt die Künstlerin Sigalit Landau, ist die „einzig natürliche und ruhige Grenze“ ihres Heimatlandes Israel. Dieses Land, das sich immer wieder an seinen inneren und äußeren Grenzen und Schichtungen, seinen kutanen und sub-kutanen Widersprüchen, seinen blutigen und unblutigen Konfliktzonen und Historien aufreibt und aufreiben muss, wird heuer 70 Jahre alt.

Eine detaillierte Geschichte des modernen Israel möchte dieses Diagonal nicht erzählen, dafür aber von kleinen und großen Erzählungen und Geschichtsbildern, von individueller und kollektiver Erinnerung und Gegenwart, von verblassten Utopien und neuen Hoffnungen, die das Land in seiner hybriden Inter- und Multikulturalität geformt haben und formen.

„Diagonal“ auf einer selektiven Vermessungsfahrt durch die zeitgenössische Kunst, Kultur und Medienlandschaft Israels und der palästinensischen Gebiete – dies- und jenseits der „grünen Linie“.

Mit unter anderen: Sigalit Landau, Zeruya Shalev und Moshe Zimmermann

HERBERT BRANDL. Kunst und Obsession.

Dokumentation 52 Minuten mit Walter Reichl

Herbert Brandl ist ziemlich cool, gleichzeitig Punk und gewissenhaft. Ein Messias für junge Künstler und das obwohl er sich im ältesten künstlerischen Gewerbe, der Malerei, einen Namen gemacht hat. Noch dazu mit Landschaften, mit Bergen, abstrakt und gegenständlich und gerne im großen Format. Eigentlich so ein Thema aus der Romantik. Bei Brandl ist es gebrochen, herb und rauh und doch so schön. Seine Bilder machen die Wirklichkeit reicher und intensiver, sagt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr. Inzwischen sind Brandls Gemälde hochpreisige Klassiker und Sammler wie etwa Extrembergsteiger Reinhold Messner attestieren seinen Bildern eine Ladung Emotionen, die kein Foto je vermitteln kann. Für den engagierten Naturschützer ist die Malerei eine Art Naturschutzgebiet, erlaubt sie ihm doch, eine Welt zu erschaffen, wie er sie gerne hätte: wild, ungezähmt, unverdorben. Also doch ein Romantiker! fest verankert im 21. Jahrhundert. Der Film begleitet Herbert Brandl über sechs Jahre, in unberührte Schluchten, auf lichte Höhen, in Schatzhöhlen und Akademieklassen und immer wieder ins Atelier, wo man den Werken beim Entstehen zuschauen kann.

Der Jetzt-Fanatiker. Zur Person Gerhard Rühm

In den 1950er Jahren haben er und seine Freunde von der „Wiener Gruppe“ das Land ganz schön aufgemischt. Als das Provozieren noch geholfen hat, schaffte es der 1930 geborene Künstler Gerhard Rühm auf die Chronikseiten der Zeitungen: mit Klavierzertrümmerungen und ungebührlichen Versen, die ihn zum Mordverdächtigen machten. Dabei würde man diesem stets korrekt gekleideten und frisierten Herrn die Lust am Verstören nicht ansehen – was die Wirkung wohl noch erhöht.

Gerhard Rühm ist ein Mehrfachbegabter, wenn man das große Wort „Universalkünstler“ für zu pathetisch hält – angebracht wäre es allemal. Als singender Literat, schreibender Künstler, zeichnender Musiker und das alles noch einmal durchgemischt, hat Rühm, prominentes Mitglied der „Wiener Gruppe“, ein kaum zu überblickendes Werk geschaffen. Immer im Visier: das Jetzt, das Gegenwartserlebnis, schwarzmakabren Humor und das lustvolle Spiel mit Wörtern, Linien, Noten. Darüber ist er 87 Jahre alt geworden und macht einfach weiter. Sein jüngstes Album „sprechtexte/melodramen/chansons“ hat er soeben erst aufgenommen.

Der Hohepriester der Baukunst. Zur Person Peter Zumthor

Schönheit, Licht, Atmosphäre – das sind die Kräfte, die, geht es nach dem Schweizer Peter Zumthor, in jedem Gebäude wirken sollen. Aber, was ist schön? Was wirkt zeitlos, was bringt Atmosphäre? Um das herauszufinden, nimmt sich Peter Zumthor Zeit, viel Zeit für jedes einzelne seiner Projekte. Liest Gedichte, hört Musik, vertieft sich in die Vergangenheit. Die Entdeckung der Langsamkeit gibt seinen Häusern diesen entschleunigten Habitus, dieses entspannt Sakrale.

Bei dem Tempo gibt es nicht viele Gebäude, die Peter Zumthors Handschrift tragen: nämlich Reduktion im besten Sinn. Der Pritzker-Preisträger, gelernte Tischler, studierte Designer und Architekt in Basel und New York, Denkmalschützer und Jazzmusiker mit der Ausstrahlung eines Zenmönchs behelligt uns nicht mit der Komplexität der Welt, er verwandelt sie in scheinbar schlichte Gebäude. Man spürt sie, die kulturelle Dichte, man muss sie nicht sehen. Das Kunsthaus Bregenz, ein einfacher Glaskubus, der sich im Licht verändert und mit der Umgebung korrespondiert, die Therme im Schweizer Vals, die Zumthor mit 60.000 dunklen Quarzitplatten ausgelegt hat oder das Kolumba Museum hinter dem Kölner Dom mit seinen durchbrochenen Mauerwerkfassaden sind Pilgerzentren für Kunsttouristen. Ihr Erfinder propagiert Langlebigkeit und Wohlüberlegtheit in rasanten Zeiten.

Daumen rauf, Daumen runter – reicht das? Zum Thema: Kritik.

Die Zeiten der großen Kritikerarena des „Literarischen Quartetts“ mit Marcel Reich-Ranicki und seinen caesarischen Urteilen sind Geschichte. Heute wird schnell und haufenweise geliked oder auch nicht. Daumen rauf, Daumen runter – so leicht geht das. Die professionelle Literatur- oder Kunstkritik ist wieder da, wo sie nach der Meinung vieler hingehört: nicht in der Arena, sondern im feinen Zirkel der Auskenner, beim Bachmannpreis, in Fachmagazinen oder in den Feuilletons der besseren Zeitungen. Aber auch da ist sie am Verschwinden.
Aus ökonomischen Gründen, sagt man. Wer wagt heute überhaupt noch ein Urteil? Eines, das über momentane Geschmacksempfindlichkeiten hinausgeht und anregt, aufregt, gültig ist? Wie bewertet man die Hervorbringungen von Kunst, wenn jeder Kanon längst gesprengt ist? Und wer braucht Kritik?

In der Gesellschaft ist „kritisches Denken“ oder Kritik üben das Gebot der Stunde. Kein Parteitag, der mit Kritik an den anderen spart, kein Festival, das sich nicht seines kritischen (Kapitalismus-, Politik-, Konsum-, Umweltschutz-) Denkens rühmt – doch was bringt das? Oft nicht den Impuls, Missstände zu beseitigen, sondern vielmehr ein Festbeißen in den Fehlleistungen der anderen. Da führt kein Weg hinaus. Deshalb schlägt Publizist Thomas Edlinger auch in seinem Buch „Der wunde Punkt“ ein Nachdenken über „postkritische“ Zeiten vor, die deshalb längst nicht postintellektuelle Zeiten sein müssen. Die Klingen der Denkwerkzeuge sind also geschärft. Kritische Stimmen willkommen!

Im Reich der Striche und Schatten. Zur Person William Kentridge.

 
William Kentridge, Jahrgang 1955, ist der bekannteste Künstler Südafrikas. Aber Schublade kann aus dieser Zuschreibung keine werden, denn Kentridges Engagement ist schlicht universell. Er übt sich in den verschiedensten Genres von Zeichnung, Animationsfilm, Performance, Theater bis Oper und setzt sich mit überzeitlichen, menschlichen, allzu menschlichen Themen auseinander: Zeit, Gewalt, Scham, oder wie wir ständig dabei sind, aus allem Sinn machen zu wollen: Spuren im Sand, Wolken am Himmel.

Das macht den Spross einer jüdisch-litauischen Familie, die nach Südafrika emigriert war, zum genussfreudigen Melancholiker und „vorsichtigen Pessimisten“. Seine Animationsfilme sind gezeichnet, Kohlestift auf Papier, und immer schwarz weiß. Der Radiergummi, der auslöscht, ist dabei gleich wichtig wie der Stift, der Dinge entstehen lässt. Menschen auf der Wanderschaft. Flucht? Vertreibung? Totentanz?

Trotz ihrer Schlichtheit fällt man schnell hinein in diese Welt. Präsent in den wichtigsten Museen, vertreten auf Kunstweltschauen wie der Documenta oder bei Festivals wie den Salzburger Festspielen in diesem Sommer, ist William Kentridge der Antikunst Dada verpflichtet und schätzt das schöne Scheitern. Denn hätte er es als Maler, Schauspieler, Filmemacher und Dirigent geschafft, wäre er heute nicht der Universalkünstler, der er ist …

Demokratie-Verständnis: Romeo Castellucci

„Democracy in America“ bei den Wr. Festwochen
In seinem jüngsten Stück untersucht der italienische Theaterberserker Romeo Castellucci die Regierungsform der Demokratie.

Speziell „Die Demokratie in Amerika“ frei nach dem Buch des französischen Denkers aus dem 19. Jahrhundert. Brennende Aktualität bekommt diese Arbeit durch die herrschenden Hang zum Populismus in demokratisch regierten Staaten wie den USA, aber auch in Europa. Warnte de Tocqueville doch bei aller Verneigung vor der Demokratie auch vor einer möglichen „Diktatur der Mehrheit“. Castellucci lässt sich auf gewohnt poetische Weise auf das Thema ein und lässt in seinen so drastischen wie schönen Bildern viel Gedankenspielraum.

Der kulturMontag spricht mit Romeo Castellucci über den Unterschied zwischen griechischer und US amerikanischer Demokratie, die Bedeutung der Kunst in der Politik, Religion und Frauen im Aufstand gegen das System.