Zum Thema Tagebuch, Zwischen Protokoll und Poesie.

15. April 18; Sonntag, bewölkt, 18 Grad.
Musste mir heute Gedanken über das Tagebuch schreiben machen, weil Sendung Ende Juni, und das Programmheft braucht einen Text.

„Schreiben Sie so ehrlich Tagebuch, dass Sie im Boden versinken würden, wenn es jemand zu lesen bekäme, so erhalten Sie Zugang zu ihrem Unterbewusstsein“, lese ich am Vormittag in einem Interview mit Schauspielguru Ivana Chubbuck in der Süddeutschen Zeitung. Das rät sie allen, nicht nur ihren Schülern, Hollywoods Superstarmimen von Brad Pitt bis Halle Berry.

Geheim, privat, entlarvend, schmerzhaft, peinlich – Texte mit Schlüssel. Zum Wegsperren vor den Anderen, zum Erschließen der Psyche für die Schreiberin, den Schreiber selbst. Texte für dunkle Kämmerchen nicht für die große Arena. Dorthin kommen Tagebücher (die wirklich geheimen) erst nach Ableben ihrer Verfasser: Anne Frank oder Joseph Goebbels, Anais Nin oder Ludwig Wittgenstein. Ihr Versprechen: Authentizität. Ehrlichkeit. Das nackte Ich.

Literarisch geht es natürlich auch. Bestes Beispiel: Karl Ove Knausgards „Kampf“ in sechs Bänden, in dem er seinen Alltag mit allen Erlebnissen, Erkenntnissen, Eindrücken und Erniedrigungen so genau schildert, dass jeder Geheimtagebuchschreiber vor Neid erblassen muss. Leitmotiv wie bei Baudelaire, Kafka, Pavese, Pessoa: seelischer Schmerz, umgewandelt in feinste Literatur. Und sonst? Sind die Tagebücher von heute nicht fotografisch? Instagram? Facebook? Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Wirklich? Fürs Protokoll vielleicht – für das Knacken der Nüsse, die uns das Leben so vor die Füße wirft, hmmmm?! Das Wort-an-Wort-Fügen, immer schön eines nach dem anderen, hat schon etwas Ordnendes. Zumindest, wenn es um einen Text fürs Ö1 Programmheft geht.
Spazieren gegangen, den Frühling genossen.

Israel – Hula Hoop mit Stacheldraht

Eine junge Frau steht nackt am Strand von Tel Aviv. Um ihre Hüften lässt sie einen Hula Hoop Reifen kreisen. Es ist ein Reifen aus Stacheldraht, der blutunterlaufene Flecken auf ihrer Haut hinterlässt, den Körper der jungen Frau mit jeder neuen Kreisbewegung ein wenig mehr verletzt und aufreibt. Nur der Strand, sagt die Künstlerin Sigalit Landau, ist die „einzig natürliche und ruhige Grenze“ ihres Heimatlandes Israel. Dieses Land, das sich immer wieder an seinen inneren und äußeren Grenzen und Schichtungen, seinen kutanen und sub-kutanen Widersprüchen, seinen blutigen und unblutigen Konfliktzonen und Historien aufreibt und aufreiben muss, wird heuer 70 Jahre alt.

Eine detaillierte Geschichte des modernen Israel möchte dieses Diagonal nicht erzählen, dafür aber von kleinen und großen Erzählungen und Geschichtsbildern, von individueller und kollektiver Erinnerung und Gegenwart, von verblassten Utopien und neuen Hoffnungen, die das Land in seiner hybriden Inter- und Multikulturalität geformt haben und formen.

„Diagonal“ auf einer selektiven Vermessungsfahrt durch die zeitgenössische Kunst, Kultur und Medienlandschaft Israels und der palästinensischen Gebiete – dies- und jenseits der „grünen Linie“.

Mit unter anderen: Sigalit Landau, Zeruya Shalev und Moshe Zimmermann

Der Jetzt-Fanatiker. Zur Person Gerhard Rühm

In den 1950er Jahren haben er und seine Freunde von der „Wiener Gruppe“ das Land ganz schön aufgemischt. Als das Provozieren noch geholfen hat, schaffte es der 1930 geborene Künstler Gerhard Rühm auf die Chronikseiten der Zeitungen: mit Klavierzertrümmerungen und ungebührlichen Versen, die ihn zum Mordverdächtigen machten. Dabei würde man diesem stets korrekt gekleideten und frisierten Herrn die Lust am Verstören nicht ansehen – was die Wirkung wohl noch erhöht.

Gerhard Rühm ist ein Mehrfachbegabter, wenn man das große Wort „Universalkünstler“ für zu pathetisch hält – angebracht wäre es allemal. Als singender Literat, schreibender Künstler, zeichnender Musiker und das alles noch einmal durchgemischt, hat Rühm, prominentes Mitglied der „Wiener Gruppe“, ein kaum zu überblickendes Werk geschaffen. Immer im Visier: das Jetzt, das Gegenwartserlebnis, schwarzmakabren Humor und das lustvolle Spiel mit Wörtern, Linien, Noten. Darüber ist er 87 Jahre alt geworden und macht einfach weiter. Sein jüngstes Album „sprechtexte/melodramen/chansons“ hat er soeben erst aufgenommen.

Edmund de Waal

Edmund de Waal Festspiele im heurigen Herbst. Er veröffentlicht ein neues Buch, in dem er sich auf den Weg zu den Ursprüngen des Porzellans macht: „Die weisse Straße“ und er kuratiert eine Ausstellung über die Dunkelheit, Albträume und die Nacht im Kunsthistorischen Museum und zeigt seine Porzellanvitrinen im Kunsthaus in Graz.

Bei unserem Gespräch in London in seinem Studio und im Victoria & Albert Museum erzählt er von seinen Leidenschaften: Porzellan, die Farbe weiß, die Dunkelheit in der Arbeit von Albrecht Dürer, die seiner Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Inspiration war, Rhythmen, Wiederholungen, Passionen, Macht, Gedichte …

Schwarz und Weiß und nichts dazwischen.

Viele Farben Weiß sieht der Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal, wenn er sich weißes Porzellan anschaut. Seine eigenen Stücke oder antike, egal. Der Autor von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „The White Road“ und beschreibt den Weg der Porzellanproduktion über die Jahrhunderte. Weiß spielt darin eine zentrale Rolle. Der Clou: Weiß kitzelt das Auge nur, befriedigt es nicht, ist eine Handlungsaufforderung, eine Projektionsfläche, verweist auf eine andere, lichtere Welt, macht auch Angst. Das weiße Blatt Papier, die weiße Leinwand, der „white cube“ in der Kunst. Weiß verspricht Neutralität und Funktionalität – es ist die Lieblingsfarbe der Moderne.
Schwarz hingegen gehört den Romantikern und Existentialisten, vom Schauerroman des 19. Jahrhunderts bis zum poetischen Realismus des Film noir. Schwarz und Weiß, die Antagonisten werden im Glücksfall zu Partnern, wenn es um Erkenntnisse geht, wenn man den Tag von der Nacht zu unterscheiden lernt und das schwarz auf weiß niederschreiben kann. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich in Schwarz-Weiß-Denken einzementiert. Im heutigen Europa der schwindenden Gewissheiten scheint diese Entweder-oder-Haltung die Gesellschaft zu spalten: in pro und contra EU, Flüchtlinge, Griechenlandhilfe, … Ist die Farbe Grau etwa doch unterbewertet?

Almudena Grandes und die Elefanten

Die Schriftstellerin Almudena Grandes legt mit „Inés un die Freude“ einen Roman vor, der unterhalten und historische Lücken schliessen will. Über die Fähigkeit der Spanier ganze „Elefanten unter den Teppich zu kehren“, wenn ein Ereignis nicht ins gepflegte Geschichtsbild passt und andere Eigenschaften ihrer Mitbürger, erzählt die 54-jährige Madrilenerin mit der rauchigen Stimme darin genauso wie über die große Liebe der Pasionaria, der legendären Kommunistenführerin Dolores Ibárruri. Auch das ein „Elefant“, durfte diese „unbefleckte Jungfrau der Kommunisten“ doch unmöglich in die Tiefen einer banalen Liebesbeziehung hinabgezogen werden. Genau das aber ist Grandes Spezialität: die Geschichte mit dem großen G mit den vielen Geschichten der kleinen Menschen zusammenzubringen.

Dacia Maraini

Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini, bekannt durch ihren Roman „Die stumme Herzogin“ ist eine der führenden Intellektuellen Italiens und kritische Stimme seit den 60er Jahren. Bekennende Feministin und überzeugte Römerin bedauert sie die Überschwemmung Roms durch Touristenströme und sieht doch Licht am Ende des Tunnels, einen frischen Wind, der die ewige Stadt aufmischt. Ein Gespräch anlässlich von Diagonals Stadtportrait Rom.

Rafael Chirbes

Der 1949 in Valencia geborene Rafael Chirbes gehört zu den international erfolgreichen spanischen Autoren. Bekannt wurde er vor allem durch seine intensive Beschäftigung mit der Franco-Diktatur. Er gilt als scharfer Beobachter der spanischen Gesellschaft. In seinem jüngsten Roman „Am Ufer“ erzählt der Romancier über bittere und hässliche Wohlstandsmärchen vor dem Hintergrund der spanischen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Rafael Chirbes, der Schriftsteller, 65 Jahre alt, ist eine Art „Gewissen der Nation“. Er beobachtet akribisch das, was andere nicht sehen wollen: häßliche Gefühle, historische Fehlentscheidungen, kaputte Landschaften. Die Lektüre seiner bravourös geschriebenen Romane, deren Vielstimmigkeit immer ein umfassendes Bild der Gesellschaft liefert, ist nicht unbedingt vergnüglich, aber doch erkenntnisfördernd und bewußtseinserweiternd. Schon in dem Roman „Der lange Marsch“, den der studierte Historiker Chirbes, Ende der 90er Jahre geschrieben hat, zeigt er die unangenehme Zerrissenheit Spaniens während der Franco Diktatur auf: leidenschaftliche Faschisten, Mitläufer, Kommunisten, Anarchisten – spinnefeind und doch zum Zusammenleben gezwungen. Am menschlichen Erbe des spanischen Bürgerkrieges und des Franco Regimes arbeiten sich die Spanier noch heute ab – oder wollen es um jeden Preis vermeiden. Rafael Chirbes, versucht blinde Flecken ins Bewußtsein zu schreiben. In seinem Roman „Am Ufer“ bekommen dabei nicht nur die Spanier ihr Fett ab. Bei einem Spaziergang durch Valencia erzählt der Autor von seiner Sicht der Dinge.