Zur Zukunft des Museums

Haben Museen ausgedient? Das bürgerliche Bildungsideal steht infrage. Die Digitalisierung komprimiert Erfahrungen und Wissen sehr bequem auf Bildschirme. Warum gehen Menschen (noch) ins Museum? Uhr
Im futuristischen Manifest von 1909 wurden Museen mit Friedhöfen verglichen, mit „Lagerstätten toten Kulturguts“. Dieses leicht ranzige, der Vergangenheit und nicht der Zukunft verpflichtete Image ist an der Institution Museum haften geblieben.

Wenngleich verstaubte Schaukästen selten geworden sind und Museen sich seit den 1970er Jahren vielgestaltig geöffnet haben: Interaktive, immersive und technologisch avancierte Vermittlungsangebote sind heute ebenso selbstverständlich wie der niedrigschwellige, für alle Bildungsmilieus angelegte, multisensorische Zugang und eine Dynamisierung – dank (special) Events, social media Präsenz und Wechselausstellungen.

Die Chancen stehen zudem gut, in den meisten Museen dieser Welt schickes Design im Museumsshop, ein passables Café und saubere Toiletten vorzufinden. Neuerdings etablieren sich Museen als Wohlfühlorte, in denen Yoga angeboten, Räume der Kontemplation und sinnlichen Erfahrung inszeniert und Inklusion gelebt wird. Zunehmend müssen Museen auch Selbstreflexion pflegen, sich Fragen zu Dekolonisierung, Restitution und Ökologie (etwa klimaneutrales Shipping oder ökologisch verträgliche Verpackung) stellen.

Was soll das Museum von morgen zeigen? Was sammeln? Hat die Institution Museum als öffentlicher Ort, der ursprünglich auf das Sammeln, Bewahren, Beforschen und Zeigen setzte, mit der Digitalisierung, der KI, der steigenden Depotkosten und Versicherungssummen sowie der Zersetzung bildungsbürgerlicher Normen und Ideale ausgedient? Wie müssen sich Museen verändern, um relevant zu blieben? Diagonal diskutiert die nahe und ferne Zukunft des Museums.
(Text: Nicole Dietrich)

Diagonal zum Thema: Care. Vom Pflegen, Kümmern und Bewahren

Care bedeutet mehr als Pflege. Es meint das Sorgen um andere und um sich selbst, aber auch das Bewahren dessen, was zu verschwinden droht. Es ist schwer, einen inhaltlich so umfassenden, gleichbedeutenden deutschen Begriff zu finden, also bleiben wir beim englischen „Care“, inspiriert auch von Clara Heinrichs Buch Pusztagold. Die junge österreichische Autorin entfaltet in ihrem Langessay so poetisch wie alltagsrealistisch die vielen Aspekte von Care – als körperliche und emotionale Arbeit am Wohlergehen anderer Lebewesen, in ihrem Fall die Pflege ihres Partners, der an chronischem Fatigue Syndrom erkrankt ist, als Bereich, der gern Frauen überlassen wird und dadurch feministisch diskutiert wird, als oft unsichtbare Voraussetzung gesellschaftlichen Funktionierens. Gleichzeitig weiten wir den Blick auf Formen der Sorge, die über den Menschen hinausreichen: auf ökologische Verantwortung, auf Saatgutpflege, auf die Frage, wie eine verletzliche Welt erhalten werden kann. Care ist dabei nicht nur private Geste, sondern auch politische Haltung – um der entfesselten oder einfach ignoranten Zerstörungsbereitschaft so mancher Regierenden etwas entgegenzuhalten, das zutiefst im Menschsein angelegt ist und längst nicht nur im weiblichen.

Kunst-Revolution Giottos bahnbrechender Bilder-Zyklus zu Franz von Assisi in Perugia

Der Heilige und der Maler – zwei Rebellen am Beginn einer neuen Zeit
Er scheint der Heilige der Stunde sein und das 800 Jahre nach seinem Tod. Franz von Assisi lebte relativ einfache Botschaften vor: behandelt die Menschen und die Umwelt mit Respekt, erspart euch Kriege und hinterfragt den Luxus, in dem ihr lebt. Der macht nicht glücklich. Das wusste der reiche Tuchhändlersohn, geboren 1181 oder 1182 aus eigener Erfahrung. Und die Pilgerströme von Gläubigen, Nicht- oder Andersgläubigen nach Assisi heuer scheinen zu bestätigen: Franz inspiriert und das war schon immer so.
Für seine Basilica in Assisi, erbaut im 13. Jahrhundert, schuf etwa der Künstler Giotto di Bondone Bilder und Fresken, die es in der Form davor nicht gegeben hat. Sie gelten als Revolution in der Kunst und Vorhut der Renaissance. Da erzählt Giotto wie in einem enormen Comicstrip rund um das Kirchenschiff der Oberkirche die Legenden rund um den Heiligen Franziskus. Die berühmte Vogelpredigt ist auch darunter, oder Franzens Friedensintervention beim Sultan. Anders als die starren Darstellungen davor, zeigen die Menschen auf Giottos Bildern Bewegung und Emotion, vermitteln Botschaften und Gefühle, machen über das Sichtbare das Unsichtbare verständlich. Das große Potenzial der Kunst.
Wie sehr Giotto mit seinem Streben nach Realismus und Lebendigkeit und den ersten Versuchen, Architektur und Landschaft seiner Zeit perspektivisch darzustellen, die Künstler, die mit ihm und nach ihm gearbeitet haben, beeinflusst hat, kann man sich derzeit auch in einer sorgfältig kunsthistorisch erarbeiteten Ausstellung in der Galleria Nazionale dell‘ Umbria in Perugia anschauen.
Sie zeigt zwei Erneuerer, die das auf den Himmel ausgerichtete Mittelalter zurück auf die Erde geholt haben. Der Heilige Franziskus mit seiner freudvollen Verehrung des Göttlichen im Weltlichen und Giotto, der das irdische Leben so realistisch wie möglich auf Wand, Tafel und Leinwand zu bringen wusste.

Die Frauen-Frage

Anfang März, rund um den Internationalen Frauentag diskutiert man in unseren Breiten die so genannte „Frauenfrage“. Noch immer reden wir von: Ungleichheit, Diskriminierung, Ohnmacht, Gewalt gegen Frauen, Gläserne Decken und fehlende Sensibilitäten. Eine viel beachtete Ausstellung zum Thema kommt jetzt vom neuen Museum Moderner Kunst in Warschau: Zu sehen sind ausschließlich Werke von Frauen, die Künstlerinnen reichen von der Renaissance bis zu Maria Lassnig oder Yoko Ono. Ein Feuerwerk weiblicher Kunstproduktion, das so noch nie zu sehen war – berichtet Ines Mitterer aus Warschau.

Hört doch endlich zu! Zur Person Kassandra

Die Rufe, die zur Vernunft mahnen, verhallen ungehört. Warnerinnen und Warner á la Kassandra werden gern lächerlich gemacht oder zum Verstummen gebracht, zu unangenehm ist das Gehörte, zu unbequem. Spielverderberinnen!
Heute wie damals, als die trojanische Königstochter Kassandra alles Unheil vorhersah und keiner ihr Glauben schenken wollte. Wegen ihrer Schönheit, die der Aphrodites glich, schenkte ihr Gott Apollo die Gabe der Weissagung, als sie aber seine Verführungsversuche zurückwies, bekam die widerspenstige Frau Teil zwei des göttlichen Geschenks zu spüren: du kannst die Zukunft vorhersehen, aber keiner wird dir glauben. Ätsch! Paris holt sich wider besseres Wissen oder gar Ge-Wissen die schöne Helena und provoziert damit 10 Jahre Krieg und das Ende Trojas. „Hatte ich euch nicht gewarnt“, wird sich Kassandra gedacht haben. So geht es Warnerinnen (und Warnern) seit Jahrtausenden, wenn es um die Folgen von Provokationen, Feindschaften, Kriegen, Revolutionen oder – etwas jünger – die Auswirkungen des Klimawandels geht. Diese Menschheit wird nicht gescheiter. Soll man deshalb aufhören, an die Vernunft zu appellieren? Natürlich nicht. Zuhören wäre ein guter Anfang.
Zu Wort kommen aktuelle und historische Warnerinnen und Warner sowie ihre literarischen Verwandten bei – unter anderem – Homer, Christa Wolf oder Igiaba Scego.

Bauen für alle. Zum Thema Infrastruktur

„Infrastruktur hört sich nach Technik an, gemeint ist aber Selbstlosigkeit: die allgemeine Bereitschaft, etwas ins Werk zu setzen, das sich erst für künftige Generationen rechnen wird“, schreibt der deutsche Kulturjournalist Hanno Rauterberg in seiner Analyse der Deutschen Bahn in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Und, er attestiert uns Zeitgenoss:innen Kleinmut. „Wäre das 19. Jahrhundert so kleinmütig gewesen wie unsere Gegenwart, die Bahn wäre nie gebaut worden.“ Stimmt das? Das Urteil ist wohl zu streng, vor allem, wenn man an die großen Bahnprojekte im kleinen Österreich denkt: ab Mitte Dezember 2025 fahren die ersten Züge regulär durch den Koralmtunnel, der Semmering-Basistunnel soll 2030 in Betrieb gehen, der Brenner Basistunnel 2032. Drei gigantische Unterfangen.

Auch wenn von der Schönheit und Pracht früherer Infrastrukturbauten oft wenig übrig geblieben ist, so taugt das öffentliche XXL-Projekt letztendlich zum „Denkmal des Fortschritts“ oder zur Imagepolitur einer Regierung, vor allem bei Grundsteinlegung oder Einweihung. Dazwischen liegen die Mühen der Ebene, oft über Jahrzehnte, und viele Debatten um Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit: beim Megastaudamm am Ursprung des Nil in Äthiopien und Sudan, bei der neuen Brücke vom italienischen Festland nach Sizilien oder auch beim Wiener Lobautunnel. Tatsache ist auch: wo viel Investition, da viel Gegenwind und wo viel öffentliches Geld, da auch die eine oder andere Möglichkeit, dass ein Teil davon im Halbdunkel verschwindet. Darum prüfe, was – wenn schon nicht ewig – so doch lange währen soll!

Yoko Ono: die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt

Courtesy of the artist

Zur Person Yoko Ono
Die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt. Nur langsam ändert sich ihr Image. Yoko Ono ist noch immer eher als Ehefrau John Lennons im kollektiven Gedächtnis abgespeichert, denn als höchst eigenwillige Avantgarde-Künstlerin.
Dabei wird gern vergessen, dass Yoko, die Tochter aus gutem japanischen Haus – sie ist mit den Kindern des Tenno in die Schule gegangen – eine hochproduktive und anerkannte Künstlerin und Musikerin war, als sie der Beatle 1966 in einer Londoner Galerie kennenlernte. Sie gehörte zur New Yorker Fluxus Bewegung, die Kunst wegbringen wollte von ihrem Status als teure Trophäe der Eliten – und zurückbringen, mitten hinein ins Leben. Sie war Avantgarde-Musikerin im Umfeld von John Cage, der ihr sein berühmtes Stück 4’33“ gewidmet hat. Und sie war eine Frau, eine ausländische Künstlerin in einer männlich dominierten Kunstwelt, früh mit Fragen der Emanzipation konfrontiert. Erst in den letzten 20 Jahren hat man den enormen Schatz an so gesellschaftskritischen wie poetischen Kunstwerken immer wieder gehoben, neu bewertet und in diversen Ausstellungen gezeigt. Bis Ende August läuft noch eine große Einzelschau der 92-jährigen im Gropius Bau in Berlin. Eine neue Biografie gibt es auch. Ein guter Anlass dafür, unser Yoko Ono Portrait aus dem Jahr 2014, für das wir uns länger mit ihr unterhalten konnten, jetzt mit einem Gespräch mit dem Bestsellerautor und Yoko Ono Biografen David Sheff zu ergänzen. Er hat John und Yoko 1980 kennengelernt, kurz vor John Lennons Ermordung und sie auch danach noch des öfteren getroffen. Die Erzählungen aus seinem Buch sind also zu einem großen Teil aus erster Hand, ergänzt durch penible Recherchen und nahe Einblicke. John Lennons Schatten mag lang sein – von ihm stammt übrigens der Ausspruch, den wir als Sendungstitel gewählt haben – aber die Künstlerin Yoko Ono lässt sich heute nicht mehr übersehen.

Diagonal Stadtporträt Addis Abeba – Afrikas Drehscheibe im Umbruch

Addis Abeba, „die neue Blume“ nannten sie ihre Gründer in den 1880er Jahren. Dass sich die Stadt in nur eineinhalb Jahrhunderten zu einem wichtigen Hub des Kontinents entwickeln würde, erahnte man noch nicht. In Addis Abeba befindet sich heute der Sitz der Afrikanischen Union, AU. Nicht nur das Gebäude der Union ist hochmodern. Auch sonst wächst in der Stadt vieles in den Himmel.

Eigentlich hatte Addis bäuerliche Wurzeln. Daran erinnern heute auch die Wochenmärkte, vor allem der gigantisch große Mercato. Hier zeigt sich der Unternehmergeist der Stadt und des ganzen Landes. Er ist einer der größten offenen Marktplätze Afrikas, das wirtschaftliche Herz der Metropole. Eine halbe Million Menschen besucht ihn täglich, an die 10.000 Arbeitsplätze dürfte er zählen.

Die skyline von Addis Abeba, die Metro, die breiten Straßen mit viel zu viel Verkehr darauf, werden durch ein schier endloses Immergleiches, einen dörflichen Häuserbrei bis an die Stadtränder konterkariert. Doch der Zuzug von Menschen aus allen Landesteilen, vorwiegend junger, er hört nicht auf. Das alles passiert auf einer Höhe von über 2000 Meter – Addis ist die höchstgelegene Großstadt Afrikas. Und Äthiopien die einzige Nation südlich der Sahara ohne koloniale Vergangenheit. Jedoch, die Italiener haben ihre Spuren hinterlassen. Der Abessinienkrieg vor 90 Jahren war ein völkerrechtswidriger Angriffs- und Eroberungskrieg des faschistischen Königreichs Italien gegen das Kaiserreich Abessinien (Äthiopien) in Ostafrika – ein Eroberungsfeldzug. Eine fünfjährige Besetzung durch Mussolinis Italien folgte. Der District Piazza (oder Piassa) im Zentrum der Stadt erinnert daran.

Addis Abeba ist auch Universitätsstadt, mit hervorragenden Fakultäten, etwa für Architektur. Und das National Museum zeigt mit einem Fokus auf die Wiege der Menschheit einen Überblick der Funde von Frühmenschen. Und schließlich nicht zu vergessen: überall im Stadtbild und in der Geschichte des Landes sind die politischen und religiösen Spuren des letzten Kaisers von Äthiopien zu finden. Der „König der Könige“, der „Löwe von Juda“, der „Auserwählte Gottes“: Haile Selassie. Einerseits spielte er eine Schlüsselrolle in der Modernisierung und Reformierung Äthiopiens. Anderseits warfen ihm Kritiker vor, soziale Ungleichheiten ignoriert und die politische Opposition unterdrückt zu haben. Trotz seines umstrittenen Erbes bleibt er eine zentrale Figur der afrikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Ansage mit Wirkung. Diagonal zum Thema: das Manifest

Habe Weltveränderndes vor und gieße es in ein Dokument! Vom Futuristischen Manifest über das Kommunistische Manifest bis zum Antropophagischen Manifest oder Dogma 95 – haben Künstler und Aktivisten ihre Ideen festgehalten und mit dem dringenden Appell versehen, man möge aufgestellten Forderungen doch bitte nachkommen.

Definition, Programm, Statut, Gebot. Was wollen Manifeste und wer hält sich daran? Schreibt doch André Breton in seinem Surrealistischen Manifest: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“. Aber gleich darauf: „Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen …“ Anders verhält es sich wohl mit dem mittlerweile mehr als 500 Millionen mal verkauften „Manifest der Kommunistischen Partei“ – die halbe Welt hat zeitweise versucht, dessen programmatische Ziele tatsächlich zu erreichen. 101 Jahre nach Veröffentlichung des surrealistischen Manifests, untersuchen wir Wollen und Wirkungsmacht, Wohl und Wehe von Manifesten, die eines ganz sicher dokumentieren: den jeweiligen Zeitgeist.