Diagonal goes wild. Zum Thema: Wildnis

Je weniger es davon gibt, desto attraktiver erscheint sie: die Wildnis. Echte Wildnisgebiete außerhalb der ohnehin unbewohnbaren Gebiete an den Polen, in den Wüsten und im Hochgebirge gibt es kaum noch. In Österreich nehmen sie heiße 0,12 % der Fläche des Staatsgebietes ein. In dieser Welt bleibt eben kaum Platz für den Urwald. Den braucht der Mensch für anderes: Infrastruktur-, Siedlungs- und Agrarflächen.

Madonna oder Kurtisane. Tizians Frauenbild im KHM

Mit einer Schau der Superlative begibt sich das Kunsthistorische Museum Wien auf Aufholjagd, will man doch das Publikum, das pandemie-bedingt auf der Strecke geblieben ist, endlich wieder ins Museum locken. Zum 130. Geburtstag, den das international renommierte Haus Mitte Oktober feiert, hat sich Direktorin
Sabine Haagund ihr Team Besonderes einfallen lassen. 

Diagonal zum Thema „Normalität“ Status Quo, Komfortzone, Kampfbegriff. Diagonal zum Thema „Normalität“

Plötzlich war alles anders. Nicht an den Arbeitsplatz, in die Schule, ins Restaurant gehen. Niemanden treffen. Keine Feste, Feiern, Zusammenkünfte. Keine Reisen, Sportveranstaltungen, Theaterabende. Das vor der Pandemie so oft als langweilig oder ungerechtfertigt normierend verpönte Normale wurde mit dem Ausnahmezustand zur Sehnsucht, zum Traum, zum Desiderat. Das Normale als das Gewünschte erlebt in Krisenzeiten Aufwind. Schon während Trumps Präsidentschaftswahlkampf hatte der Begriff diese positive Bedeutung angenommen.

Allesnichtmachen. Diagonal zum Thema Nichts tun

Das Copyright für den Hashtag „Allesnichtmachen“ liegt freilich bei den Kollegen von „Willkommen Österreich“. Aber hat sich nicht doch auch „Diagonal“ über die Jahre als eine Speerspitze dieses Appells präsentiert? Raus aus dem Hamsterrad, alle Tätigkeit sein lassen – wie oft haben wir nicht hart daran gearbeitet, Ihnen das „Nichtstun“ schmackhaft zu machen: Sendungen zum Thema „Faulheit“, „Müßiggang“, „Entschleunigung“ bis „Nicht arbeiten“ beweisen das.

Prognosen, Prophezeiungen, Kaffeesudlesen. Diagonal schaut in die Zukunft

Die Zukunft ist die große Unbekannte. Und das gefällt uns nicht. Auch wenn Grundzüge der Entwicklung der Erde und ihrer Bewohner wissenschaftlich vorhersagbar sind, was genau passieren wird, wissen vielleicht nur die Sterne, so man an sie glaubt. Menschen aber wollen Sicherheit, Planungssicherheit. Nicht zu wissen, was morgen auf sie zukommt, ist ihnen ein Graus. Dafür gibt es seit dem Altertum Experten, deren Aufgabe es ist, die Zukunft vorherzusagen, den Anschein von Kontrollierbarkeit zu geben; indem sie die Sterne lesen oder Gedärme von Tieren, einen Orakelspruch deuten oder den Flug von Vögeln.

Der Mensch und das Meer. Diagonal zum Thema Ozeane

Es gibt nicht nur die eine Erzählung, es gibt viele. Die Ozeane befinden sich in einer neuen Phase ihrer dynamischen Geschichte. Sie sind hochfrequentiert, akribisch vermessen, globale Verkehrswege, brutal ausgebeutet, bewundert, gefürchtet. Wissenschaftliche Erkenntnisse über den desaströsen Zustand der Weltmeere gibt es genug, aber um sie lesbar und erfahrbar zu machen, dafür braucht es künstlerische Ansätze. „Wir sollten diese Idee hinter uns lassen, dass der Ozean diese weite, offene, unveränderbare Quelle reiner Natur ist“, sagt John Palmesino vom Londoner Architektenteam „Territorial Agency“, das in den vergangenen drei Jahren alle Open Source Daten gesammelt hat, die es zum Geschehen auf den Weltmeeren gibt.

In der Hängematte den Amazonas entlang – eine Bootsfahrt am Zusammenfluss von Rio Solimões und Rio Negro

Zwei Leben würden nicht ausreichen, um die Flüsse des Amazonasbeckens in Brasilien abzufahren, sagen die alten, erfahrenen Bootsführer, die sich im größten und wasserreichsten Flusssystem der Erde auskennen. Aber schon ein kurzes Eintauchen in diese Welt zwischen Wasser und Wald, rund um das legendäre Manaus mit seinem prachtvollen Opernhaus, macht staunen: Über den Zusammenfluss der zwei Flussgiganten Rio Solimões und Rio Negro, die sich unterhalb von Manaus zum Amazonas vereinigen – braun der eine, schwarz der andere – brauchen sie mehrere Kilometer, um sich zu vermischen. Über rosa Delphine und Babykaimane, Riesenseerosen und Piranhas im Suppentopf oder Indio-Dörfer, die Vertriebene aus der ganzen Region aufnehmen und zum lebendigen kulturellen Archiv werden. Die Stimmung, die einen bei gewaltigen Wolkenbrüchen oder stillen Sonnuntergängen am Fluss mitten im Regenwald überkommt, ist jener auf hohen Bergen, unter nächtlichem Sternenhimmel oder in der Wüste vergleichbar: hier ist etwas größer als man selbst.

Diagonal über Milo Rau und Zeitgenoss/innen. Bühne und Aktivismus

Er will kein „Klassiker Karaoke“ auf der Bühne. Heißt soviel wie: Texte nachsprechen lassen, die andere vor Jahren oder Jahrhunderten geschrieben haben. Trotzdem beziehen sich seine Arbeiten manchmal auf antike Tragödien: „Orest in Mossul“. „Antigone im Amazonas“. Die Dramen der Menschheit verändern sich nicht. Die Form, sie auf die Bühne zu bringen, schon. Der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau und seine Truppe vom NTGent haben es in ihr Manifest geschrieben: einmal im Jahr muss man in einer Gegend arbeiten, wo es Krieg, Katastrophen, massive Menschenrechtsverletzungen gibt, sonst weiß man nicht, wovon man spricht auf der Bühne, im Film.

Wiens wilder Wasserwald. Diagonal zum Thema: Lobau

Seeadler, Eisvogel, Biber oder Wildschwein sind nur einige Vertreter der 30 Säugetier- und 100 Brutvogelarten, 8 Reptilien- und 13 Amphibien- sowie 60 Fischarten, die in diesem Wasserwald im Osten von Wien beheimatet sind. Die Lobau macht ein Viertel des Nationalpark Donauauen aus, der wiederum zu den letzten großen Aulandschaften Mitteleuropas gehört. Bekannt ist die Gegend an der Donau aber auch als beliebter Aufenthaltsort für die zweibeinige Spezies, die sich hier gern naturnah, also hüllenlos, am größten Nacktbadestrand der Region als die „Nackerten von Wien“ präsentiert. Ein Naturschutzgebiet, das trotz Schutzstellung gefährdet ist. Die drohende Austrocknung durch den Klimawandel und ein geplanter Autobahntunnel, der unter dem riesigen Feuchtgebiet durchgestochen werden soll, bereiten vielen „Lobauisten“ Sorge. „No-Bau“ in der „Lobau“ fordern die Gegner der Autobahn und haben mit dem Einbringen einer Revision beim Bundesverwaltungsgericht gerade wieder die Verschiebung des Baubeginns, geplant für 2020, erwirkt. Im Laufe der Jahrhunderte war dieser Dschungel von Wien Refugium für all jene, die das System nicht brauchte, schreibt der Historiker Fritz Keller: Räuberbanden im Mittelalter, Arbeitslose in der Zwischenkriegszeit, Sozialisten und Schutzbündler im Ständestaat, flüchtige Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, rechte Politsekten. Und zivilisationsmüde Naturfreunde, die hierherkamen, als Nacktbaden noch streng verboten war. Eine wilde Mischung.