Liebe. Zwischen Romantik, Algorithmus und politischer Agenda. In Vorbereitung

Liebe als brennend aktuelles Thema für eine feuilletonistische Sendung? Das mag Ihnen jetzt vielleicht aberwitzig erscheinen. Denn: Wann war sie das nicht? Brennend aktuell! Schließlich erzählen gefühlte 99% aller Songs oder Romane aller Epochen vom Gefühl der Gefühle und dem Drumherum. Aber: In Zeiten wie diesen scheint es angebracht, die Liebe neu zu verhandeln.

Die Soziologin Eva Illouz schreibt in ihrem neuen Buch „Wa(h)re Gefühle“ über Liebe als Konsumgut. Begehren-, Macht- und Geschlechterverhältnisse sind nicht zuletzt duch „#MeToo“ ordentlich durcheinander geraten. Partnerschaftsbörsen und Dating-Plattformen haben die Mechanismen des Kennenlernens revolutioniert und das Hochzeitsbusiness brummt.

Im vergangenen Jahr gab es in Österreich 9% mehr Eheschließungen als im Jahr davor. Die Scheidungsrate sinkt.
Sogar in der Kunst, die lange einen weiten Bogen um das verfängliche Thema gemacht hat, mehren sich die Zeichen für eine Liebesoffensive. Die Idee: Eine Gesellschaft, die sich in Fragen der Identität in immer kleinere Fragmente teilt, braucht das Verbindende.

Etwas, das fähig ist, die Festungsmauern rund um das eigene Ich zum Einsturz zu bringen. Die Kunstaktivisten der „Army of Love“ loten aus, wie man Liebe jenseits der romantischen Paarverbindung leben könnte, als politisches Instrument gegen Vereinzelung, Vereinsamung und Einzelinteressen, für Inklusion.
Aber: Kann man Liebe lernen? Den Versuch wäre es wohl wert.

Israel – Hula Hoop mit Stacheldraht

Eine junge Frau steht nackt am Strand von Tel Aviv. Um ihre Hüften lässt sie einen Hula Hoop Reifen kreisen. Es ist ein Reifen aus Stacheldraht, der blutunterlaufene Flecken auf ihrer Haut hinterlässt, den Körper der jungen Frau mit jeder neuen Kreisbewegung ein wenig mehr verletzt und aufreibt. Nur der Strand, sagt die Künstlerin Sigalit Landau, ist die „einzig natürliche und ruhige Grenze“ ihres Heimatlandes Israel. Dieses Land, das sich immer wieder an seinen inneren und äußeren Grenzen und Schichtungen, seinen kutanen und sub-kutanen Widersprüchen, seinen blutigen und unblutigen Konfliktzonen und Historien aufreibt und aufreiben muss, wird heuer 70 Jahre alt.

Eine detaillierte Geschichte des modernen Israel möchte dieses Diagonal nicht erzählen, dafür aber von kleinen und großen Erzählungen und Geschichtsbildern, von individueller und kollektiver Erinnerung und Gegenwart, von verblassten Utopien und neuen Hoffnungen, die das Land in seiner hybriden Inter- und Multikulturalität geformt haben und formen.

„Diagonal“ auf einer selektiven Vermessungsfahrt durch die zeitgenössische Kunst, Kultur und Medienlandschaft Israels und der palästinensischen Gebiete – dies- und jenseits der „grünen Linie“.

Mit unter anderen: Sigalit Landau, Zeruya Shalev und Moshe Zimmermann

Daumen rauf, Daumen runter – reicht das? Zum Thema: Kritik.

Die Zeiten der großen Kritikerarena des „Literarischen Quartetts“ mit Marcel Reich-Ranicki und seinen caesarischen Urteilen sind Geschichte. Heute wird schnell und haufenweise geliked oder auch nicht. Daumen rauf, Daumen runter – so leicht geht das. Die professionelle Literatur- oder Kunstkritik ist wieder da, wo sie nach der Meinung vieler hingehört: nicht in der Arena, sondern im feinen Zirkel der Auskenner, beim Bachmannpreis, in Fachmagazinen oder in den Feuilletons der besseren Zeitungen. Aber auch da ist sie am Verschwinden.
Aus ökonomischen Gründen, sagt man. Wer wagt heute überhaupt noch ein Urteil? Eines, das über momentane Geschmacksempfindlichkeiten hinausgeht und anregt, aufregt, gültig ist? Wie bewertet man die Hervorbringungen von Kunst, wenn jeder Kanon längst gesprengt ist? Und wer braucht Kritik?

In der Gesellschaft ist „kritisches Denken“ oder Kritik üben das Gebot der Stunde. Kein Parteitag, der mit Kritik an den anderen spart, kein Festival, das sich nicht seines kritischen (Kapitalismus-, Politik-, Konsum-, Umweltschutz-) Denkens rühmt – doch was bringt das? Oft nicht den Impuls, Missstände zu beseitigen, sondern vielmehr ein Festbeißen in den Fehlleistungen der anderen. Da führt kein Weg hinaus. Deshalb schlägt Publizist Thomas Edlinger auch in seinem Buch „Der wunde Punkt“ ein Nachdenken über „postkritische“ Zeiten vor, die deshalb längst nicht postintellektuelle Zeiten sein müssen. Die Klingen der Denkwerkzeuge sind also geschärft. Kritische Stimmen willkommen!

Kunst-Fest: Die Biennale von Venedig

Kunst-Fest: Die Biennale von Venedig

Die Mutter aller Biennalen, jene von Venedig, geht heuer in die 57. Runde und verspricht ein Fest der Künste.
„Viva Arte Viva“, also „es lebe die Kunst“ ist das Motto, das Christine Macel, die französische Chefin der Weltkunstschau, ausgerufen hat. Doch reicht es, wenn sich die Kunst in Zeiten globaler Krisen selbst feiert?
Wären nicht explizit politische Positionen gefragt? Nein, gerade jetzt sei es wichtig, sich auf das Potential der Kunst zu konzentrieren, unterstreicht Macel. Denn anstatt das System, die Politik und den Kapitalismus zu kritisieren, sei es zielführender zu beobachten, wie Künstler_innen die Ärmel hochkrempeln und Probleme lösen.

Dafür hat sich die Chefkommissärin 120 Künstler_innen geholt, ein Großteil von ihnen präsentiert sich zum ersten Mal auf der Biennale. Zu der Handvoll „big names“ zählen der Island-Däne Olafur Eliasson und der Brasilianer Ernesto Neto. Mit einer zentralen Arbeit von Franz West ist nur ein einziger Österreicher in der Hauptausstellung repräsentiert.

Nachdenklicher als zuletzt, konzentriert auf das Essentielle und Zeitlose, hat Macel diese internationale Werkschau konzipiert. 86 nationale Pavillons in den Giardini und zahllose Kunstevents rund um die Biennale verwandeln Venedig – das gewöhnlich nicht mit Zeitgenossenschaft glänzt – temporär zur Welthauptstadt der Gegenwartskunst. Im Österreich-Pavillon stellt Erwin Wurm einmal mehr Sehgewohnheiten auf den Kopf.

Auch wenn die Biennale keine Verkaufsausstellung ist, findet hier doch so manches Werk einen neuen Besitzer, der Marktwert von Künstler_innen kann hier rasant in die Höhe schnellen. Über den Verkaufswert eines Kunstwerks wird dann am Pool des Luxushotels Cipriani oder in Edelboutiquen der Stadt diskutiert.
Mit Claudia Teissig.

Hot-Spot: Kunstmetropole L.A.

Über die Filmmetropole, die ihr erstes Kunstmuseum erst in den 1960er-Jahren aufgesperrt hat, ist der Kunsthype hereingebrochen. Kunstschaffende und Kunstinteressierte sind nach L.A. gekommen, um zu bleiben. Milliardäre bauen sich Ausstellungshäuser, fähige Museumsdirektoren erweitern Raum und Angebot, europäische Topgalerien haben sich an der Westküste angesiedelt, um ihren Künstlern und Käufern den Weg an die Ostküste oder nach Europa zu ersparen.
Die Kunstwelt in Los Angeles ist im Aufbruch. Der kultur.montag war in Los Angeles, dem neuen Berlin: attraktiv für Künstler, Sammler und hippes Volk wie die deutsche Hauptstadt in den 1990er-Jahren.

Kultur-Hauptstadt: Der Glanz von Donostia/San Sebastián

Einstiger Treffpunkt von Künstlern, Aristokratie und Hautevolee
Die baskische Metropole San Sebastián hat ein düsteres und ein heiteres Gesicht:
Einst Treffpunkt der Aristokratie und Hautevolee, später Epizentrum des ETA-Terrors, heute kulinarisches Mekka – und europäische Kulturhauptstadt 2016.
Die Habsburgerin Maria Christina erkor die Stadt zum royalen Seebad, das so schnell zum magischen Anziehungspunkt für die Schönen und Schillernden wurde: Mata Hari nahm hier Aufträge an, Leo Trotzki saß am Spieltisch im Casino, griff in die Tasten.
Bürgerkrieg und Diktatur – General Franco hatte hier seine Sommerresidenz – bereiteten dem bunten Treiben ein jähes Ende. Geblieben sind prachtvolle Belle Epoque-Gebäude und das Flair einer versunkenen Welt. Die Wunden der Stadt – hier wütete die ETA besonders haltlos – sind noch nicht verheilt.

Marathon – das XXL-Format

Mehr als 50.000 waren es das letzte Mal in New York, und sogar in Wien sind mehr als 42.000 Menschen mitgelaufen. Aus dem Marathonlauf, der Königsdisziplin der Olympioniken, wurde ein Massenphänomen. Dabei passt das doch nicht wirklich zu unserer kommoden Spaßgesellschaft: sich mit Kohlehydratbomben und Blut in den Schuhen auf die Bewältigung von 42,195 Kilometer hinzutrainieren.

Was macht den Appeal dieser extremen Belastung aus, wenn man nicht zum Leichtathleten geboren ist? Das „Hinaus-aus-der-Komfortzone“-Gefühl? Das in Riesenwellen ausgeschüttete Endorphin? Die heldenhaften Anekdoten, die sich über die Extremerfahrung danach erzählen lassen? Wohl von allem ein bisschen.

Die extreme Dauer – das Extreme spielt sicher eine Hauptrolle, beim Laufen genauso wie bei außergewöhnlichen Theater-, Film- oder Tanzperformances, die sich über Stunden und Stunden und Stunden ziehen. Interessant in einer Zeit, da uns eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne diagnostiziert wird, Berichte in Radio und Fernsehen und Zeitungsartikeln aus diesem Grund immer kürzer werden.

Was ist so attraktiv am zeitlichen XXL-Format, bei dem die Vernunft langsam einschläft, das rationale Denken ausrinnt und sich dafür möglicherweise Türen zu anderen Bewusstseinsebenen auftun. Jelineks Sportstück: Sechs Stunden, Peter Steins Faust-Inszenierungen: 21 Stunden, Jan Fabres „Mount Olympus“ bei den heurigen Wiener Festwochen gar 24 Stunden, 24 Stunden Ulysses auf Ö1 – solche Erlebnisse vergisst man nicht. Die Diagonal-Redakteure komprimieren das „Phänomen Marathon“ auf knapp zwei Stunden Sendezeit – mit dem Training haben sie natürlich schon begonnen.

Stadtporträt Havanna. Warten auf den Wandel.

mit Johann Kneihs und Thomas Mießgang

Plötzlich wollen alle hin. Jahrzehntelang gab die kubanische Hauptstadt das Bild der verfallenden Schönen, unverdorben vom kapitalistischen Weltgeschehen, arm aber stolz, kultiviert und ach so musikalisch! Jetzt, nach ersten Schritten zur Lockerung des US-amerikanischen Handelsembargos, das die Insel seit Jahrzehnten im Schwitzkasten gehalten hat und der Möglichkeit für die Habaneros, eigene kleine Restaurants oder Läden zu eröffnen und damit an „richtiges“ Geld heranzukommen – jetzt bewegt sich langsam etwas unter der Staubdecke der immerwährenden Revolution. Ausländische Investor/innen stellen sich an, um die Segnungen der Zivilisation in Form von Hotelanlagen, Golfplätzen und Ferienressorts in die einstige „Perle der Karibik“ zu bringen. Viele Kubaner/innen dagegen hoffen auf wirtschaftlichen UND politischen Wandel. Denn nach wie vor sind Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein heikles Thema, das öffentlich nur sehr zaghaft diskutiert wird. Trotzdem: Man riecht karibische Frühlingsluft in der kubanischen Hauptstadt, die Millionen Touristen bisher so geschätzt haben, weil sie eben mit keiner anderen Großstadt der Welt vergleichbar war: keine Logos, keine internationalen Ketten, dafür Schlitten aus einer Zeit, in der Automobile noch Charakter hatten. Koloniale Pracht und städtebaulicher Notstand Tür an Tür. Kommen jetzt zeitgenössische Glas-Beton-Wolkenkratzer dazu? Wohin entwickelt sich Havanna? Die Momentaufnahme einer Stadt am Beginn einer neuen Ära.

Schwarz und Weiß und nichts dazwischen.

Viele Farben Weiß sieht der Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal, wenn er sich weißes Porzellan anschaut. Seine eigenen Stücke oder antike, egal. Der Autor von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „The White Road“ und beschreibt den Weg der Porzellanproduktion über die Jahrhunderte. Weiß spielt darin eine zentrale Rolle. Der Clou: Weiß kitzelt das Auge nur, befriedigt es nicht, ist eine Handlungsaufforderung, eine Projektionsfläche, verweist auf eine andere, lichtere Welt, macht auch Angst. Das weiße Blatt Papier, die weiße Leinwand, der „white cube“ in der Kunst. Weiß verspricht Neutralität und Funktionalität – es ist die Lieblingsfarbe der Moderne.
Schwarz hingegen gehört den Romantikern und Existentialisten, vom Schauerroman des 19. Jahrhunderts bis zum poetischen Realismus des Film noir. Schwarz und Weiß, die Antagonisten werden im Glücksfall zu Partnern, wenn es um Erkenntnisse geht, wenn man den Tag von der Nacht zu unterscheiden lernt und das schwarz auf weiß niederschreiben kann. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich in Schwarz-Weiß-Denken einzementiert. Im heutigen Europa der schwindenden Gewissheiten scheint diese Entweder-oder-Haltung die Gesellschaft zu spalten: in pro und contra EU, Flüchtlinge, Griechenlandhilfe, … Ist die Farbe Grau etwa doch unterbewertet?