Marathon – das XXL-Format

Mehr als 50.000 waren es das letzte Mal in New York, und sogar in Wien sind mehr als 42.000 Menschen mitgelaufen. Aus dem Marathonlauf, der Königsdisziplin der Olympioniken, wurde ein Massenphänomen. Dabei passt das doch nicht wirklich zu unserer kommoden Spaßgesellschaft: sich mit Kohlehydratbomben und Blut in den Schuhen auf die Bewältigung von 42,195 Kilometer hinzutrainieren.

Was macht den Appeal dieser extremen Belastung aus, wenn man nicht zum Leichtathleten geboren ist? Das „Hinaus-aus-der-Komfortzone“-Gefühl? Das in Riesenwellen ausgeschüttete Endorphin? Die heldenhaften Anekdoten, die sich über die Extremerfahrung danach erzählen lassen? Wohl von allem ein bisschen.

Die extreme Dauer – das Extreme spielt sicher eine Hauptrolle, beim Laufen genauso wie bei außergewöhnlichen Theater-, Film- oder Tanzperformances, die sich über Stunden und Stunden und Stunden ziehen. Interessant in einer Zeit, da uns eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne diagnostiziert wird, Berichte in Radio und Fernsehen und Zeitungsartikeln aus diesem Grund immer kürzer werden.

Was ist so attraktiv am zeitlichen XXL-Format, bei dem die Vernunft langsam einschläft, das rationale Denken ausrinnt und sich dafür möglicherweise Türen zu anderen Bewusstseinsebenen auftun. Jelineks Sportstück: Sechs Stunden, Peter Steins Faust-Inszenierungen: 21 Stunden, Jan Fabres „Mount Olympus“ bei den heurigen Wiener Festwochen gar 24 Stunden, 24 Stunden Ulysses auf Ö1 – solche Erlebnisse vergisst man nicht. Die Diagonal-Redakteure komprimieren das „Phänomen Marathon“ auf knapp zwei Stunden Sendezeit – mit dem Training haben sie natürlich schon begonnen.

Stadtporträt Havanna. Warten auf den Wandel.

mit Johann Kneihs und Thomas Mießgang

Plötzlich wollen alle hin. Jahrzehntelang gab die kubanische Hauptstadt das Bild der verfallenden Schönen, unverdorben vom kapitalistischen Weltgeschehen, arm aber stolz, kultiviert und ach so musikalisch! Jetzt, nach ersten Schritten zur Lockerung des US-amerikanischen Handelsembargos, das die Insel seit Jahrzehnten im Schwitzkasten gehalten hat und der Möglichkeit für die Habaneros, eigene kleine Restaurants oder Läden zu eröffnen und damit an „richtiges“ Geld heranzukommen – jetzt bewegt sich langsam etwas unter der Staubdecke der immerwährenden Revolution. Ausländische Investor/innen stellen sich an, um die Segnungen der Zivilisation in Form von Hotelanlagen, Golfplätzen und Ferienressorts in die einstige „Perle der Karibik“ zu bringen. Viele Kubaner/innen dagegen hoffen auf wirtschaftlichen UND politischen Wandel. Denn nach wie vor sind Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein heikles Thema, das öffentlich nur sehr zaghaft diskutiert wird. Trotzdem: Man riecht karibische Frühlingsluft in der kubanischen Hauptstadt, die Millionen Touristen bisher so geschätzt haben, weil sie eben mit keiner anderen Großstadt der Welt vergleichbar war: keine Logos, keine internationalen Ketten, dafür Schlitten aus einer Zeit, in der Automobile noch Charakter hatten. Koloniale Pracht und städtebaulicher Notstand Tür an Tür. Kommen jetzt zeitgenössische Glas-Beton-Wolkenkratzer dazu? Wohin entwickelt sich Havanna? Die Momentaufnahme einer Stadt am Beginn einer neuen Ära.

Schwarz und Weiß und nichts dazwischen.

Viele Farben Weiß sieht der Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal, wenn er sich weißes Porzellan anschaut. Seine eigenen Stücke oder antike, egal. Der Autor von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „The White Road“ und beschreibt den Weg der Porzellanproduktion über die Jahrhunderte. Weiß spielt darin eine zentrale Rolle. Der Clou: Weiß kitzelt das Auge nur, befriedigt es nicht, ist eine Handlungsaufforderung, eine Projektionsfläche, verweist auf eine andere, lichtere Welt, macht auch Angst. Das weiße Blatt Papier, die weiße Leinwand, der „white cube“ in der Kunst. Weiß verspricht Neutralität und Funktionalität – es ist die Lieblingsfarbe der Moderne.
Schwarz hingegen gehört den Romantikern und Existentialisten, vom Schauerroman des 19. Jahrhunderts bis zum poetischen Realismus des Film noir. Schwarz und Weiß, die Antagonisten werden im Glücksfall zu Partnern, wenn es um Erkenntnisse geht, wenn man den Tag von der Nacht zu unterscheiden lernt und das schwarz auf weiß niederschreiben kann. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich in Schwarz-Weiß-Denken einzementiert. Im heutigen Europa der schwindenden Gewissheiten scheint diese Entweder-oder-Haltung die Gesellschaft zu spalten: in pro und contra EU, Flüchtlinge, Griechenlandhilfe, … Ist die Farbe Grau etwa doch unterbewertet?

Helfen. Gut, oder nur gut gemeint?

Es war wohl das überraschendste und beeindruckendste Phänomen des Jahres 2015: Tausende Menschen in Österreich erwarten plötzlich nicht mehr, dass der Staat alles regelt. Sie kaufen selbst Lebensmittel ein, Gewand, Decken, Schlafsäcke, Medikamente. Sie bezahlen Zugfahrkarten, organisieren Dolmetscher und Quartiere. Rufen andere via soziale Medien zum Handeln auf, zum Helfen. Zigtausende Flüchtlinge, die mit nichts in Österreich anlanden, müssen versorgt werden.

Die staatlichen Institutionen sind überfordert. Die Zivilgesellschaft übernimmt das Ruder. Eine Trendwende? Was bringt die Menschen dazu, anderen in der Not zu helfen? Spiegelneuronen? Erziehung? Religion? Vorbilder in der Gesellschaft? Die meisten Wohltäter/innen, ob Ute Bock oder Cecily Corti, die sich für Flüchtlinge oder Wohnungslose einsetzen, sind weniger Romantiker/innen als Pragmatiker/innen. Oder vielleicht hat sie auch erst die jahrelange Arbeit mit Bedürftigen dazu gemacht.

Wer ethisch handelt, steigert sein Selbstwertgefühl, sagen Wissenschafter wie der australische Philosoph Peter Singer. Helfen also Selbstzweck? Das werfen viele unter anderem auch der Entwicklungszusammenarbeit vor, die zwar nicht mehr „Entwicklungshilfe“ heißen darf, aber trotzdem noch oft als Gestus der Gnade ärmeren Ländern gewährt wird. Sie ist im besten aller Fälle gut gemeint, aber gut? Richtig helfen ist eine richtig schwierige Aufgabe. Aber, Achtung: Das ist keine Ausrede dafür, sich lieber nicht zu engagieren. Schon gar nicht so kurz vor Weihnachten!

Verweigerung. Nicht mit mir!!!!

Auch wenn es dann letztlich nicht ganz so geklappt hat: „yes we can“ ist trotzdem das Gebot der Stunde. Wir können alles, überall, immer – bis wir nicht mehr können. Die Leistungsgesellschaft erhebt die Selbstoptimierung zum Imperativ. Wir brauchen kein Foucaultsches „aussen“ mehr, das uns bewacht und bestraft, wenn wir nicht genug leisten. Wir bestrafen uns selbst in unserer multiplen Rolle als Treibende und Getriebene. Dieser „Exzess der Leistungssteigerungführt zum Infarkt der Seele“, schreibt der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay „Müdigkeitsgesellschaft“. Und rät zum Aussteigen, zur Verweigerung. Sein Vorschlag, der gleichzeitig Analyse unserer Hochdruckgesellschaft ist: erlauben Sie es sich, müde zu sein, nicht zu können, nicht mitzumachen! Tatsächlich entziehen sich immer mehr dem Appell der permanenten Verfügbarkeit und Aufmerksamkeitshascherei – auch jenseits von Digital Detox Camps, die lehren, wie man einmal ein paar Tage ohne seine elektronischen Prothesen auskommt. Künstler geben keine Interviews, Schriftsteller wie Patrick Süßkind verweigern sich der Öffentlichkeit, die einen geben ihr Mobiltelefon ab, die anderen leben ohne Geld.
Verzicht und Rückzug seien kein Weniger sondern ein Mehr, ein Gewinn, erfährt man von den Betroffenen, so sie sich nicht auch unseren Interviews verweigern …..

Erzherzog Ludwig Salvator – der König des Mittelmeers

Diagonal zur Person: Erzherzog Ludwig Salvator. Der König des Mittelmeeres

Er hätte das Zeug zu einer Ikone der freien Wissenschaft, jenseits von Academia und zugleich voller leidenschaftlichen Präzision gehabt: Der 1847 geborene Mittelmeerforscher Ludwig Salvator blieb ein Leben lang unterwegs, von Insel zu Insel, schlussendlich von Kontinent zu Kontinent. Auf unerforschte, ja damals weitgehend unbekannte Inseln des Mittelmeeres und deren ursprüngliche Flora und Fauna, kulturell gesehen auch urtümliche Sitten, Gebräuche und Lebensumstände richtete er von seiner Dampfyacht Nixe aus sein Forschungs-Radar. Heimthafen wurde ihm dabei die Insel Mallorca, auf der ein kleines eigenes Reich nach seiner Vorstellung errichtete. Über Jahrzehnte hinweg veröffentlichte er Dutzende hoch angesehene Fachpublikationen. Praktizierender Naturschützer war der, vor hundert Jahren, im Oktober 1915 verstorbene Erzherzog aus der toskanischen Linie der Familie Habsburg ebenso, wie Lebenskünstler und Pazifist. Das Musikprotokoll des „steirischen herbst“ richtet dem forschenden Erzherzog in diesem Jahr nach einer Idee von Elke Tschaikner und Christian Scheib eine klangliche Hommage mit zeitgenössischen Künstlern ein. Diagonal zeichnet das Portrait dazu.

Die Männer. Das schwache Geschlecht

Seit 40 Jahren zerbröselt das marmorne Standbild des Mannes als unbestrittener Herrscher über die außerfamiliäre Welt. Die Frauenbewegung hat ihr Scherflein dazu beigetragen, aber auch eine Wirtschaft, die auf Frauen als Erwerbstätige nicht mehr verzichten will. Die Folge: es gab schon einmal bessere Zeiten fürs Mannsein.

Sie sind öfter krank, stellen an den Universitäten inzwischen die Minderheit, begehen dreimal öfter Selbstmord als Vertreterinnen des anderen Geschlechts und sind hin- und hergerissen zwischen den alten Anforderungen – die großen Checker im Job darzustellen – und den neuen – verständnisvolle Väter mit Tagesfreizeit zur Erquickung des Nachwuchses zu sein.

Männer haben es heute schwerer, und sie tun sich schwer in unserer Gesellschaft. Nicht umsonst spielt Michel Houellebecq in seinem jüngsten Roman „Unterwerfung“ wollüstig mit der Fantasie, dass Frauen wieder aus dem öffentlichen Raum verschwinden, sich aus dem Berufsleben zurückziehen und so den Konkurrenzdruck von der Männerwelt nehmen – vor der Emanzipation war scheinbar alles einfacher. Da haben in der Schule auch noch Lehrer (ohne „-innen“) unterrichtet, wo sie heute als männliche Orientierungshilfe schmerzhaft fehlen.

Das große Problem des 21. Jahrhunderts seien die ungebildeten Männer, sagt der Politologe Gilles Duhem in einem „Zeit“-Interview. Für sie gibt es nicht mehr, wie früher, einen fixen Platz in der Gesellschaft, im Heer, in der Fabrik, in der Kirche. Trotzdem hätten sie aus Jahrhunderten die Vorstellung geerbt, quasi naturgemäß „Boss“ zu sein und würden jetzt links und rechts überholt von Mädchen und Frauen, die sich mit den Gesetzmäßigkeiten der heutigen Welt besser zurechtfinden. Das muss einmal einer verdauen! Zwei Drittel der Förderschüler sind männlich, ebenso wie 75 Prozent der Wohnungslosen. War also die Einrichtung der vielbelächelten Männersektion im Sozialministerium dann doch keine so schlechte Idee? Sind Männer das neue „schwache Geschlecht“?

Die Deutschen. Mächtig, bewundert, unbeliebt

Die Deutschen. Mächtig, bewundert, ungeliebt

Klar, Cordoba Syndrom. Einmal gegen den Starken gewinnen. Besser sein als der große Nachbar. Die Ressentiments der Österreicher gegenüber ihrem großen Nachbarn sind hinlänglich bekannt. In den letzten Jahren haben sie Verstärkung bekommen – aus dem Süden. Den hegemonialen Ansprüchen der Deutschen begegnet man in Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal mit patscherten historischen Vergleichen: Angela Merkel als Frau Hitler, die Deutschen als eine Bande von rauhbeinigen Nazis, die den vom EU-Finanztopf abhängigen Mittelmeerländern den Garaus machen wollen. Patschert oder nicht: die neue Machtfülle der Deutschen ruft Unbehagen hervor.

Aber vielleicht gibt ihnen ihr wirtschaftlicher und politischer Erfolg ja recht? Vielleicht sind die Deutschen einfach die besseren Europäer.

Sie wissen zu diskutieren, trennen den Müll, arbeiten hart, gendern brav und wollen auch dann noch studieren, wenn es in ihrer Heimat dafür keine Plätze mehr gibt. Deshalb können sich die österreichischen Universitäten so „international“ geben – inzwischen kommt nicht nur eine große Anzahl der Studierenden an österreichischen Unis aus Deutschland, sondern auch mehr als 20 % der Professoren; an der Uni Wien sind es sogar fast 40%. Auch wenn das vielen keinen Spass (mit kurzem „a“ und mächtig starkem „s“) macht, in der Öffentlichkeit von „Piefke Alarm“ zu sprechen, traut sich dann doch wieder keiner: geistert doch ein Zweifel durch den Alpenraum: was, wenn die Deutschen auch die besseren Österreicher sind??

Der Fehler. Woraus wir lernen

Behandlungsfehler in Krankenhäusern können letale Folgen haben, Erziehungsfehler rächen sich spätestens in der Pubertät, und fehlerhafte Geschirrspüler können einen Wohnungsbrand auslösen – davor werden die Konsument/innen jedenfalls in großen Anzeigen gewarnt. Druckfehler in Büchern sind oft peinlich, und Fehler bei der Partnerwahl können viel Geld oder, schlimmer noch, Jahre des Lebens kosten. Wie soll man da, wie es Psycholog/innen empfehlen, ein entspanntes Verhältnis zu Fehlern entwickeln?

Mag schon sein, dass die Erfahrung des Scheiterns stärker macht – trotzdem versuchen wir alle, es möglichst zu vermeiden. Denn nur Lehman Brothers und Co sind „too big to fail“. Meist ist das Altbewährte weniger fehleranfällig, als das Wagnis des Neuen. Zumal auch das Benotungssystem in unseren Schulen in erster Linie darauf ausgerichtet ist, Fehler zu suchen und negativ zu bewerten – das Augenmerk wird dabei hauptsächlich auf das Defizit gerichtet und nicht darauf, was gekonnt wird. Dabei sind Fehler, so der Autor Klaus Horsten, wie Avantgardist/innen: Sie würden neue Kunstrichtungen, neue Denkarten, neue Handlungsmuster schaffen und Wege aufzeigen, die wir nie zuvor gegangen sind. Hoffen wir also, dass wir bei der Endproduktion dieser Sendung ausschließlich produktive Fehler machen.