Ólafur Elíasson. Die Krümmung der Zeit

Mit 2 Millionen Besuchern gilt sein „Weather Project“, das er 2003 in der Tate Modern in London aufgebaut hat, als eines der erfolgreichsten Kunstwerke der Gegenwart: Wasser, Spiegel und Licht vereinte der dänische Wettermacher da zu einem gigantischen Gesamtkunstwerk. Für das „Weather Project“ zog er eine 3000 Quadratmeter grosse, verspiegelte Zwischendecke in dem ehemaligen Londoner Kraftwerk ein und montierte im Halbrund 200 gelbe Lampen, die sich in der Decke reflektierten und so zur riesigen künstlichen Sonne wurden. 2 Millionen Menschen kamen, legten sich auf den Boden, liessen sich von der Sonne bescheinen und winkten sich selbst in der Decke zu. Das klingt einfach – ist es aber nicht! In Kitsch und Banalität rutscht Eliasson nie ab: zu komplex sind die Gedankenfundamente, die seine nur scheinbar so einfachen, minimalistischen Inszenierungen untermauern, zu raffiniert setzt er Wissenschaft und Technik ein, um im Ausstellungsbesucher etwas zu bewegen.

Ein Caspar David Friedrich des 21. Jahrhunderts?

Ähnlich wie sein romantisches Vorbild, weiss Olafur Eliasson Licht so einzusetzen, dass es im Betrachter ein wahres Feuerwerk an Assoziationen auslöst: Sehnsüchte, Gefühle, Erinnerungen werden da wach und gleich durch die nüchterne und kühle Materialität der Technik kontrastiert.

In Olafurs Berliner Wunderkammer
In Olafurs Berliner Wunderkammer

Apparate und Konstruktionen, die seine der Natur entlehnten Prozesse im Museum entstehen lassen, sind nämlich Teil des Kunstwerkes. Das Künstliche und das Natürliche stehen gleichberechtigt nebeneinander, Technik und Natur. Aber was ist das Natürliche?? Ist die Natur Natur oder ein schönes Konstrukt in unserem Gehirn, ist Landschaft Natur oder Kultur? Entsteht ein Regenbogen durch das Aufeinandertreffen von Wasser und Licht oder projezieren vielmehr wir Menschen erst die Farben auf den Wasserschleier?

Für Eliasson steht fest: Natur ist ein Konstrukt der Zivilisation: seine Wasserfälle sind für ihn genauso „natürlich“, genauso „wirklich“ wie ihre Gegenstücke in den Alpen.

Der "Meister" in Aktion :)
Der „Meister“ in Aktion 🙂

Philosophische Fragen, die seit Jahrtausenden gestellt werden, wirft der dänische Künstler im Heute noch einmal auf. In einer Zeit, in der das Verhältnis zur Umwelt durch das Bewusstsein fundamentaler ökologischer Verluste geprägt ist, in der unverbaute Landschaft quasi nur mehr in Reservaten erlebt werden kann, stellt Eliasson unsere Vorstellung von authentischer Naturerfahrung in Frage.

In seinem Projekt „Green River“ färbte er das Wasser von Flüssen an verschiedenen Orten der Welt mit ungiftigem Farbstoff ein. Die Reaktionen der nicht-informierten Öffentlichkeit gehörten dabei zum Kunstwerk: Erschrecken, Faszination und Verwunderung hielten sich dabei die Waage.

Als Künstlerpersönlichkeit ist der immer bescheiden, seriös und leger auftretende Olafur Eliasson derzeit „everybodies darling“ und der in dieser Saison und in seiner Branche derzeit wohl gefragteste Zeitgenosse der Welt: das New Yorker Moma richtet dem Superstar-wider-Willen eine grosse Retrospektive ein und zwar im Haupthaus in Manhatten und in der Filiale PS1 auf Long Island, die Münchner Pinakothek der Moderne zeigt Eliassons BMW Projekt, in Wien wird er bei den Wiener Festwochen mit seinem Bühnenbild für Hans Werner Henzes „Phaedra“ zu Gast sein und Mitte Juli startet in New York sein bisher grösstes und aufwendigstes Projekt: an vier neuralgischen Orten New Yorks, unter anderem unter der Brooklyn Bridge, hat Eliasson 40 Meter hohe Gerüste aufstellen lassen, um von dort aus riesige Wasserfälle in die Tiefe rauschen lassen. 15 Millionen Dollar Budget und die Überwindung fast ebenso vieler bürokratischer und technischer Hürden hat das Projekt gekostet. In Olafur Eliassons Atelier in Berlin in einer alten Ziegelhalle neben dem Hamburger Bahnhof wird deshalb fieberhaft gearbeitet. 38 hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt der Kiesler-Preisträger dort. Ein Laboratorium, wo lauter Spezialisten gemeinsam experimentieren und die komplexen Maschinen bauen, die dann ganz schlichte und gerade dadurch magische Situationen entstehen lassen: einen orangen Raum etwa, wie ihn Francesca Habsburg für ihre Sammlung in Wien erstanden hat: ein Raum, der alle Farbe schluckt und anders sehen läßt, auch wenn man ihn schon längst wieder verlassen hat.

Die Ladies beim Vorbereiten der Ausstellung mit Walter Reichl und Arnulf Auerböck
Die Ladies beim Vorbereiten der Ausstellung (mit Walter Reichl und Arnulf Auerböck)

Bei seinem kommenden Projekt setzt sich Eliasson mit dem Barock auseinander:  Im unvergleichlichen Ambiente des vom Barockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach erbauten Winterpalais des Prinzen Eugen wird man den vielen Entsprechungen zwischen dem Damals des gelehrten Prinzen und dem Heute eines zeitgenössischen Künstlers auf der Spur sein können: Weltentdeckung, Globalisierung, das Wunder und seine technischen Hilfsmittel, die wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die Natur, den Kosmos und die Pracht. Die Ausstellung, die ab 19. November zu sehen sein wird, ist eine Zusammenarbeit zwischen Francesca von Habsburg, aus deren Sammlung die meisten Werke stammen, dem Belvedere und den argentinischen Sammlern Juan und Patricia Vergez.

Licht, Illusion, neue technische Möglichkeiten, die Liebe zur Schönheit und Buntheit, die Sehnsucht nach Erkenntnis und Weltkenntnis – das hat auch das Barock ausgemacht. Der erste weltweit von den Europäern verbreitete Stil. Wissenschaftliches künstlerisch darzustellen, die Antagonisten Natur und Kunst miteinander zu versöhnen, die Illusion als Möglichkeitsform zu feiern, das große Staunen als Erkenntnisinstrument zu nutzen – all das bewegte die klugen Köpfe des Barock genauso wie uns bewegt.

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Neben der Schönheit treibt den Isländer Eliasson auch die Sorge um dieses Raumschiff Erde um. Schon wieder eine Parallele zum Barock, dachte doch damals der große Denker Gottfried Wilhelm Leibniz auch über „die beste aller Welten“ nach.

Olafur Eliasson ist der grosse Zauberer unter den Gegenwartskünstlern, einer, der mit seinen, auf den ersten Blick so einfachen, Tricks verführt, verblüfft, verstört. Und er fordert sein Publikum sogar auf, ihm dabei in die Karten zu schauen. Das Geheimnis bleibt. Und: der Umweg ist das Ziel auf Eliassons neuer Brücke in Kopenhagen genauso wie im barocken Garten.

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