Hört doch endlich zu! Zur Person Kassandra

Hört doch endlich zu!! Diagonal zur Person Kassandra

21.02.2026

Moderation: Ines Mitterer​​​Regie: Peter Waldenberger

Sign.:

Mod.: Wie gelingt es uns, dass Sie uns zuhören?

Womit lassen Sie sich zum Zuhören verführen?

Wie sollen wir anfangen, damit wir Ihre Aufmerksamkeit gewinnen?

Leicht und gefällig?

KASS MUSIK Cassandra – ABBA (CD24/1460/8_V)

Mod. drüber: ABBA in Diagonal hätten Sie wahrscheinlich auch nicht erwartet, aber Thema und Titel passen wie ein gut sitzender Handschuh: „Kassandra“

Oder hören Sie eher zu, wenn es ernst wird?

KASS MUSIK Cassandra’s Theme – Eleni Karaindrou (CD01/39604/9_H)

Zitat: drüber: „Seht, die Stadt ist dem Untergang geweiht!Blut wird fließen, die Mauern fallen, Kinder sterben, Häuser brennen. Alles, was ihr liebt, wird vernichtet. Doch ihr lacht über meine Worte, glaubt mir nicht, und dennoch werden die Götter mich recht behalten lassen.“

Mod.: Da spricht sie, Kassandra, die schöne antike Prinzessin aus Troja, der Apoll die Gabe der Prophezeigung gegeben hat …. Als er noch davon überzeugt war, sie würde seinem erotischen Werben nachgeben. Doch als sie genau das verweigert, zack, folgt die Strafe auf den Fuß! – du weisst alles, sprichst die Wahrheit, mahnst vor dem Unglück, das du kommen siehst, vor Krieg, vor der Umweltkatastrophe, vor der Aushöhlung von Menschenrechten und der  Institutionalisierung  politischer Repression doch:

keiner wird dir glauben.

MK: 1 So hört doch endlich zu! Diagonal zur Person Kassandra. Präsentiert von Ines Mitterer.

Mod.: … vielleicht gleich zu Beginn der Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow, die Kassandra, die Seherin, als Medium der alten Schule begreift, dem neue Machthaber die Wirkungsmacht entziehen ….

KASS OT Samsonow Seherin Medium Bus voller Männer

Sie ist eine der letzten Seherinnen der alten Welt im Haushalt des Priamos. Und sieht, wie apoll ihr das öffentliche Gehör wegnimmt. Und ist natürlich auch interessant, dass es noch so einen sexuierten Hintergrund gibt, aufgrund ihrer Weigerung, ihn irgendwie so toll zu finden usw.. Also er wollte sie dann komplett übermannen und er schaffte es dann immerhin, indem er das tut, was eigentlich das Ziel von vornherein war, dass sie ihre Stimme in der Öffentlichkeit löscht. Und damit haben wir bis zur heute zu tun gehabt.

Und jetzt sieht man es natürlich auch so Wer dominiert die großen Medien Komplexe heute, das sind lauter Apollo Figuren, die sozusagen Frauen zwar benutzen, also irgendwie hat schon noch so etwas wie eine Betriebsenergie ist in diesen Frauenkörpern da dass man braucht. Aber sozusagen kontrolliert und kapitalisiert wird das ganze durch diese selbsternannten Apollo Figuren, die wir jetzt da haben, also von Thiel bis Bezos, von Gates. Wissen Sie was? Das ist sehr lustig. Vandana Shiva Immer sagt ein Bus voller Männer, ganze Welt kontrollieren. Wie kann das sein? Hallo, Aufwachen! Kassandra wird gehört.

Mod.: … zumindest in zwei unterschiedlichen Stücken bei den kommenden Wiener Festwochen.

ATMO: Chor Gornicka

Mod.: Die polnische Regisseurin Marta Gornicka ist durch ihre einzigartig kraftvollen Sprechchöre berühmt geworden und bringt für ihr neues Kassandra Stück Menschen verschiedener Generationen, Sprachen, Erfahrungen, mit und ohne Behinderung, zu einem Chor von Kassandras zusammen – ein Chor, der das Unerhörte ausspricht.

ATMO: Muntendorf Teaser

Mod.: Und die deutsche Komponistin Brigitta Muntendorf gibt Kassandra eine wichtige Stimme in ihrem Stück „The day before“.

KASS OT Muntendorf zuhören​​​​​​​0.49

Natürlich ist Cassandra immer erst mal die Stimme, die wir nicht wahrhaben wollen oder der wir nicht zuhören. Und gleichzeitig ist aber auch die Frage, die wir stellen Warum hören wir eigentlich nicht zu? Also nicht, warum befolgen wir das nicht, was diese Stimme sagt, sondern warum hören wir eigentlich erst gar nicht richtig zu? Ich glaube, es liegt einfach auch sehr viel daran, etwas nicht wahrhaben zu wollen, aus einer Bequemlichkeit heraus. Es liegt auch viel daran. Wie viel Zeit verwenden wir am Tag eigentlich, über Dinge nachzudenken oder überhaupt nachzudenken? Das ist ja auch eine Frage, die die Philosophin Simone Weil gestellt hat, die bei uns auch eine zentrale Rolle spielt. Weil natürlich, je weniger wir nachdenken, desto weniger denken wir sowieso und desto weniger sind wir auch bereit, uns Veränderungen zu stellen oder auch zu überlegen. Sag mal, kann es sein, dass das auch das Leben, das ich gerade führe, so eigentlich gar nicht mehr möglich ist.

Mod.: So viele mahnende Stimmen formieren sich gerade zum lauten Chor oder lassen ihre Stimmen von Mikrophonen hinaustragen in die schwächelnden demokratischen Gesellschaften – passt auf! ignorieren hilft nämlich nicht.

KASS MUSIK Cassandra – Florence and the machine (koko: 008939/8_4)​​4.18

Mod.: Früher sah ich die Zukunft, jetzt sehe ich nichts mehr. Sie haben mir die Augen ausgestochen und mich nach Hause geschickt. Um in der Küche herumzulaufen und nach Inspiration zu suchen. Weinend wie Kassandra …. Florence and the Machine am Beginn von:

MK: 2 Diagonal heute zur Person: Kassandra – hört doch endlich zu!

Mod.: Die neuen Kassandras wissen um das Schicksal der antiken Mahnerin, sind gewappnet und lassen sich nicht mehr mundtot machen.

Zitat: Kassandra in Mogadischo Krieg hat keine Muttersprache. Er kann keine haben.Auch kein Alphabet. Krieg ist nur ein Geräusch, Soraya. Chaos. Er kann auch Stille sein, eine Stille, die tonlos schreit. Richtung Atemstillstand schwingt. Wie ein Pendel voller Staub.

Mod.: Das schreibt die italienisch-somalische Schriftstellerin Igiaba Scego in ihrem jüngsten Buch „Kassandra in Mogadischu“. Sie, die, geboren in Rom, die italienische Kultur aufgesaugt hat, wie es nur jemand kann, für den sie nicht selbstverständlich ist, erzählt von den Verheerungen des Krieges im Land ihrer Eltern. Troja wird zu Mogadischu: eine zerstörte Stadt, ein Ort voller Gewalt, Verlust und Erinnerungen, eine Stadt, deren Untergang absehbar war, aber politisch ignoriert wurde.

Zitat: In den ersten Kriegstagen, im verdammten und unvergesslichen Jahr 1991, wurde der internationale Flughafen von Mogadischu von Ausländern und Sympathisanten des Regimes gestürmt, die dessen Fall bereits vorausahnten. Es roch nach Schwefel und dem Volk geraubten Goldbarren, Staub und Unruhe lagen in der Luft. Die Tage verstrichen. Am Flughafen stieg der Druck. Die verängstigte Mittelklasse wollte das Land verlassen. Leichenberge an der Grenze.

Niemand glaubte mehr, dass die Situation sich wieder beruhigen würde. Im Kopf nur ein Gedanke: Irgendwie in eine Boeing 747 gelangen und die eigene Haut retten. Radio Mogadischu, der nationale Rundfunksender, der früher goldene Musik ausstrahlte, rief unablässig dazu auf, Ruhe zu bewahren. »Bleiben Sie ruhig.« »Isdegia.« »Kehren Sie in Ihre Häuserzurück.« »Es ist alles unter Kontrolle.« Aber auch diesen Radiolügen glaubte niemand mehr. Die Worte wurden von den Bomben übertönt, die am Himmel explodierten und die Viertel Bondhere und Wardhigley erzittern ließen. In den Häusern wurden die Radios vor Zorn mit avocadoförmigen Steinen zertrümmert. Denn wenn jemand auf dich schießt, kannst du Lügen wirklich nicht ertragen.

Mod.: Letztes Jahr war Igiaba Scego bei „La Fonte Vienna“ dem italienischen Literaturfestival in Wien zu Gast, dessen heurige Ausgabe kommenden Freitag beginnt.

OT IS Silenzio: Mich hat das Schweigen im Krieg interessiert, wie ich es in meiner Familie gesehen habe, dass man über den Krieg nicht sprechen kann. Es ist schwierig, komplex, es gibt Schuldgefühle, jemand hat getötet, jemand ist getötet worden…es ist etwas, das man nicht erzählen kann. Das hat mich immer interessiert: das Schweigen, die Löcher in der Geschichte und das versuche ich, so gut ich kann, zu erzählen.

Mod.: Scego, ihr Vater war ein hochrangiger Politiker in der somalischen Regierung vor dem Putsch Siad Barres, ihre Mutter stammt aus einer Nomadenfamilie und ist quasi Analphabetin, ihre Geschwister leben auf der Welt verstreut, Igiaba Scego ist eine der angesehendsten Schriftstellerinnen Italiens.

OT IS cassandra perche?

Ich bin mit Kassandra, Apollo, Artemis und diesen Figuren aufgewachsen, Odysseus ist mein Lieblingsheld. Und Kassandra hat hier eine ganz offensichtliche Bedeutung, sie steht für den Krieg, sie sieht den Krieg, sie sieht das Trojanische Pferd, sie sieht die Gefahr, und niemand glaubt ihr. Die Kassandras in diesem Buch sind hingegen, wir, meine Familie, ich, mein Vater, meine Mutter, meine Brüder. In unserem Fall aber hoffe ich, dass die Leser an diese Geschichte glauben und uns glauben, dass Kriege etwas wirklich Furchtbares sind.

Mod.: Igiaba Scego nützt ihre Stimme, um aufzuklären – den Lügen politischer Propaganda und kolonialistischer Geschichtsschreibung ihre Wahrheit entgegenzuhalten.

Zitat: Die Stadt, die der somalische Sänger Ahmed Jaaji als »Perle« besang, war inzwischen nur noch Teer und Blut. Zersplittert in kleine, von jungen, zerlumpten, brutalen, naiven Guerilla-kämpfern beherrschte Enklaven, die ihre Anführer mit dem einzigen Ziel dort abgestellt hatten, den großmäuligen Diktator Siad Barre vom Thron zu stoßen. Diese Guerillas kannten die Stadt nicht, sie kamen aus dem Norden oder aus dem Westen, aus dem gelben, armen und dürren Buschland, und wollten sich für all die jüngst erlittenen Demütigungen am großen Mogadischu rächen. An dieser Nutte, wie sie die Stadt nannten. In ihren Adern floss Rachlust. Sie wollten für all die Weiden entschädigt werden, die sie verloren hatten. Für die Viehbestände, die ihnen geraubt worden waren. Für die Tränen ihrer Frauen, deren Vulven und Brüste mit den Kolben geladener Gewehre traktiert worden waren.

Mod.: Kassandra in Mogadischu ist ein Plädoyer fürs Hinschauen.

OT IS Kassandra 1 mehr sehen

VO: Tatsächlich habe ich eine Augenkrankheit, aber paradoxerweise hat mir diese Augenkrankheit im Laufe der Zeit geholfen, besser zu sehen. Es ist eine schwere Krankheit, weil es sich um ein Offenwinkelglaukom handelt und seit ich weiß, dass meine Augen schwach sind und Probleme mit Licht usw. haben, sehe ich technisch gesehen mehr, und das hat mich sehr an Kassandra denken lassen, denn Kassandra sah irgendwie mehr, und auch meine ganze Familie begann nach dieser Erfahrung des Krieges, dieser Erfahrung der Migration, des Flüchtlingsdaseins, des Diaspora-Daseins, mehr zu sehen.

OT IS Kassandra 2 mehr sehen

VO: Was ich also mit diesem Buch unter anderem erreichen wollte, war, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das, was in Somalia passiert ist, überall passieren kann. Und ich fürchte, ich hatte Recht, das zeigt unser Alltag uns das zeigt. Aber es gibt noch Hoffnung, und diese Hoffnung liegt gerade in der Fürsorge, die wir unseren Mitmenschen und uns selbst entgegenbringen können, aber vor allem unseren Mitmenschen, indem wir uns nicht als Inseln betrachten, sondern als miteinander verbundene Kontinente, als Ozeane, die die Länder verbinden. Dann ist Kassandra natürlich auch mit dem Krieg verbunden.

Mod.: Anders als die antike Kassandra sieht diese Kassandra aus Mogadischu, die als Kind mit den homerischen Epen aufgewachsen ist, aber nicht nur schwarz.

OT IS auf rest der welt schauen dialogare di piu

In dem Buch wird deutlich, dass Somalia nicht nur aus Trümmern besteht, denn selbst wenn ein Land Zerstörungen und Katastrophen erlebt, gibt es immer die Widerstandsfähigkeit der Menschen, die irgendwie wieder etwas aufbauen, vor allem Beziehungen.

2) Was heute aber geschieht, ist… Ich weiß nicht, ob es eine Katastrophe ist, es ist eine Veränderung. In jeder historischen Epoche verändert sich die Welt irgendwie. Und vor allem in diesem Teil der Welt, in dem wir alle leben, dem Westen, müssen wir einen Weg finden, anders mit den anderen der Weltgegenden zu kommunizieren, das heißt, Partner, Verbündete, Brücken zu finden, statt Feinde. Das wäre eine radikale Veränderung.

3) Es ist klar, dass es schwierig ist, es ist klar, dass es uns viel Mühe kosten wird. Und ich denke, dass wir uns nicht in einer Katastrophe befinden, sondern in einer Transformation. Und diese Transformation versteht man gut, wenn man zum Beispiel nach Indien oder Indonesien reist. Dort hat man nicht dieses Gefühl einer Katastrophe. Dort hat man das Gefühl, dass die Welt uns gehört, dass die Welt ganz uns gehört. Und daher denke ich technisch gesehen, dass unser Teil der Welt, wenn er aus der Vergangenheit lernen will, anfangen muss, mehr und besser zu kommunizieren.  

KASS MUSIK Maryam Mursal – Somali Udiida Ceb​​​​ca 3 min.

Mod.: Maryan Mursal, eine Ikone der somalischen Musik wurde in den chaotischen und kriegerischen 1990er Jahren zur Stimme des Gewissens. Dieses Lied: Somali Udiida Ceeb (sprich: Keb) – Somalis weist die Schande zurück“ ist ein leidenschaftlicher Appell gegen den Clan-Krieg und die Selbstzerstörung des Landes. Eine musikalischen Warnung, die – genau wie Kassandras Rufe – den Lauf der Geschichte zwar nicht aufhalten konnte, aber als kraftvolles Zeugnis bestehen blieb.

MK: 3 Diagonal über die antike Seherin Kassandra und ihre himmelschreiende Aktualität in der medialen Gegenwart. Ihre Stimme ist heute: Ines Mitterer.

Mod.: Wer an eine moderne Kassandra denkt, der oder die kommt um Christa Wolf nicht herum. Ihr gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1983 wurde millionenfach verkauft. Sie schreibt in der DDR, in einer Zeit politischer Spannung, atomarer Aufrüstung und gesellschaftlicher Erstarrung. Aus dem antiken Mythos wird eine zeitgenössische Parabel auf Macht und Ideologie – und auf das Schweigen in autoritären Strukturen:

KASS Hörbuch Anfang es liest Christa Wolf 1 Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos haben sie angeblickt, diese Festung, einst uneinnehmbar. Ein Steinhaufen jetzt war das letzte, was sie sah, ein lange vergessener Feind. Und die Jahrhunderte. Sonne, Regen, Wind haben sie geschleift. Unverändert. Der Himmel. Ein tiefblaue Block. Hoch, weit. Na, die Zyklop gefügten Mauern. Heute wie gestern. Die dem Weg die Richtung geben zum Tor hin, unter dem kein Blut hervorquillt ins Finstere, ins Schlachthaus. Und allein.

Mod.: Von den Menschen allein gelassen, weil keiner und keine mehr die schlechten Nachrichten hören will, aber auch enttäuscht von den ausserirdischen Mächten, enttäuscht von ihrer Gleichgültigkeit.

KASS Hörbuch Anfang es liest Christa Wolf 2 Tiefer als von jeder anderen Regung, tiefer selbst als von meiner Angst bin ich durchtränkt, gehetzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns Irdischen.

Mod.: Nirgends ist Rettung. Und doch ist es damals nicht zum Äusserten gekommen – wurden die Warnerinnen und Warner letztendlich gehört. Erich Klein mit einer Erinnerung.

BT: Christa Wolf / Klein​​​​​​​​12.50

Mod.: Und das hat so oder so ähnlich geklungen – hier singt allerdings nicht Christa Wolf, sondern Gisela May….

KASS MUSIK Das Lied von der Moldau – GISELA MAY : BRECHT SONGS VON HANNS EISLER1.22

Mod.: In Diagonal heute: So hört doch zu! Zur Person Kassandra. In den antiken mythologischen Figuren findet die Philosophin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow schon viel von dem, was man auch heute noch zur Erklärung von menschlichem und gesellschaftlichem Verhalten heranziehen kann. In ihrem Buch „Anti-elektra. Totemismus und Schizogamie“ denkt sie schon über verdrängte weibliche Macht- und Wissensformen nach. Kassandra liest sie als Medium, als Seherin, die von der neuen Kultur der Griechen – dem Gott Apoll – diskreditiert und zum Schweigen gebracht wurde. Wir haben Elisabeth von Samsonow in ihrem Haus im Pulkautal getroffen – inmitten von hölzernen figuralen Skulpturen, Hund und Katz:

BT: Gespräch Samsonow / Mitterer​​​​​​​​11.00

KASS MUSIK All The Good Girls Go To Hell – Billie Eilish (005923/5_4)

Mod.: Hills burn in California, my turn to ignore ya, don’t say I didn’t warn ya, all the good girls go to hell – Billie Eilish warnt vor den brennenden Hügeln Kaliforniens in “All the good Girls go to Hell” und singt: Cause even God herself has enemies, And once the water starts to rise, And heaven’s out of sight, She’ll want the devil on her team…..

KASS / Umweltkatastrophennachrichten

Mod.: Ach ja, da war ja noch was … die Zöpferldiktatur, die Spielverderberinnen und Spaßbremsen, die es nicht lassen können, vor dem Aussterben der Arten, vor der Erwärmung der Erde und den Folgen, von der Zerstörung von Grund und Boden, Luft und Wasser zu warnen…. Das ist auch ein kulturelles Phänomen: Wer abbaut, bohrt, – drill baby drill! – wer frackt, expandiert und produziert, beweist Handlungsfähigkeit; wer warnt, stellt diese Form von Fortschritts – und oft eben auch  Männlichkeitsinszenierung in Frage. Aber:

ZITAT Club of Rome 1 „Unbegrenztes Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich.“

Mod.: … stellte der Club of Rome in seiner Schrift „Die Grenzen des Wachstums. Zur Lage der Menschheit“ 1972 fest.

ZITAT Club of Rome 2 Wenn die gegenwärtigen Wachstumstendenzen der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhalten, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Mod.: Zwar ist das errechnete Szenario, dass Ressourcen wie Erdöl, Erdgas oder Metalle sehr viel früher ausgehen würden, nicht eingetroffen, puncto Endlichkeit planetarer Ressourcen, steigende Umweltbelastung und Klimaprobleme, systemische Risiken exponentiellen Wachstums und der Forderung nach nachhaltigen Wirtschaftsweisen, lag man aber richtig. Und formulierte vorsichtig:

ZITAT Club of Rome 3

Je früher die Menschheit beginnt, auf diesen Gleichgewichtszustand hinzuarbeiten, desto größer sind die Erfolgsaussichten.“

Mod.: Schon sehr früh haben Kassandras Nachkommen, Forscherinnen vor der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch grenzenlose Ressourcenausbeutung, Überproduktion und die daraus entstehenden Belastungen gewarnt, mit gemischtem Erfolg, wie Hannah Balber berichtet.

BT: Klima / Balber​​​​​​​​12.22

Mod.: sagt Helga KrompKolb am Ende dieses Beitrags von Hannah Balber und wir wünschen uns, dass ganz viele zugehört haben. 4 Grad mehr auf der Erde und nichts geht mehr – 4 Degrees heisst dieses Lied von Anohni …

KASS MUSIK 4 Degrees – Anohni(003814/1_4)​​​​  3.51

Mod.: Anohni, früher Antony and the Johnsons, weiss sich als Teil der Weltgesellschaft, die zu wenig gegen den Klimawandel tut.  Wir sind Teil des Systems, wissen um die Gefahr handeln aber nicht entsprechend – hören zu wenig auf die Kassandras, die uns seit Jahrzehnten warnen.

Diagonal heute zur Person Kassandra – und diese antike Figur der erfolglosen Warnerin hat scheinbar Konjunktur. Auf Wiens Strassen sieht man Plakate vom Ensemble21, die Kassandra 4D bewerben ein Musiktheaterstück, in dem die Geschichte der trojanischen Seherin heutige Themen gegenübergestellt werden und Gedanken der bahnbrechenden Forscherin Jane Goodall genauso einfließen wie Voraussagen Albert Einsteins.

Mod.: Und die Wiener Festwochen haben mit „Kassandra“ und „The Day before“ gleich zwei Uraufführungen geplant, die sich auch um die so kluge wie schöne wie ungehörte trojanische Seherin drehen. Die polnische Regisseurin Marta Gornicka nutzt den Sprechchor als kollektives politisches Instrument, um zu schauen, welche Antworten die marginalisierten, verletztlichen und oft ignorierten Stimmen der Gesellschaft auf die drängendsten Fragen unserer Zeit haben. Sie ist gerade mit den Proben beschäftigt und wir konnten sie deshalb nicht persönlich fragen, ihr Anliegen schildert sie aber so: Marta Górnicka:

!!Zitat Gornicka: noch aufzunehmen!!

»Das Kassandra-Syndrom – die Erfahrung, dass den eigenen berechtigten Sorgen nicht geglaubt wird und diese Zurückweisung zu psychischen Belastungen und Leiden führt – scheint mir eine gemeinsame Erfahrung und ein Zustand unserer Zeit zu sein. Jeden Tag werden ganze soziale Gruppen gesellschaftlich ignoriert und zum Schweigen gebracht. Ihre verletzlichen Stimmen sind für mich wie der Gesang der Kanarienvögel im Bergwerk. Mit dem KASSANDRA CHORUS bringe ich diese Stimmen auf die Bühne, um gemeinsam ein Lied der Ermächtigung zu singen. Solange die Kanarienvögel weiter singen, sind wir am Leben.« –

KASS Muntendorf Stück Teaser Day_Before_Teaser

Und bei der deutschen Komponistin Brigitta Muntendorf und der Regisseurin Christine Jatahy gibt es erst einmal eine Party – tanzen am Rande des Abgrunds sozusagen. Ihr Stück „The day before“ ist quasi das Prequel, die Vorgeschichte der Ilias: das fatale Hochzeitsfest von Peleus und Thetis, zu dem die Göttin der Zwietracht Eris nicht eingeladen war – wer will schon die Zwietracht bei einer Hochzeit haben? Eine problematische Entscheidung! Zur Erinnerung: Eris kam trotzdem, warf einen goldenen Apfel in die Menge, auf dem „Für die Schönste“ stand und die allzu menschlichen Göttinnen stritten sich darum. Der Königssohn Paris, Bruder von Kassandra, sollte den Streit schlichten. Jede Göttin versprach ihm etwas: Hera Macht über Asien, Athene: Sieg in Kriegen und Weisheit und Aphrodite: die schönste Frau der Welt, Helena, die dummerweise schon vergeben war. Paris entschied für Aphrodite und so nahm das Schicksal seinen Lauf – Kassandra hatte wieder einmal umsonst gewarnt. Brigitta Muntendorf:

BT: Gespräch Muntendorf​​​​​​​​6.46​​

Mod.: Brigitta Muntendorf – die Weltpremiere ihres Stückes, das sie gemeinsam mit der Regisseurin Christine Jatahy erarbeitet hat, findet am 16. Mai bei den Wiener Festwochen statt. Alle Links, Hinweise und Lektüreempfehlungen zu angesprochenen Produktionen gibt es natürlich auf unserer Seite im Netz: oe1.orf.at/diagonal.

Was passiert, wenn man die Musik gegen den Kriegslärm tauscht, erzählt jetzt Joni Mitchell: The Fiddler and the Drum.

KASS MUSIK The Fiddler and the Drum – Joni Mitchell (206081/2/4_3)

Mod.: Es gibt keinen Krieg, den wir nicht verhindern könnten, wenn wir nur wollten“, das sagte die erste und einzige Friedensnobelpreisträgerin Österreichs, die Alfred Nobel eigentlich erst auf die Idee gebracht haben soll, einen Friedenspreis zu stiften: Bertha von Suttner. Warum ihre Warnung vor dem Krieg von den Mächtigen weitgehend ignoriert wurde und trotzdem nicht umsonst war, erzählt Magdalena Burghart. Ihren Beitrag liest Eszter Hollosi.

BT: Bertha von Suttner / Burghart ausgebessert

Mod.: Tja, und das wars dann mit dem Frieden vorerst. Und 2025 ist dann auch der Friedensnobelpreis an Absurdistan gegangen … ein anderes Land wünscht sich jetzt noch Cassandra Wilson: Another Country:

KASS MUSIK Another country – Cassandra Wilson(CD02/55301/8_H)

Mod.: Cassandra Wilson als letzte Vertreterin der Zunft der Seherinnen und Warnerinnen in dieser Ausgabe von Diagonal zur Person Kassandra. Christian Scheib bespielt heute Diagonals Feinen Musiksalon mit dem Album eines Kollegen aus unserer Musikredaktion: Klaus Wienerroither ist ja auch Musiker und hat für sein Album „Trumpet Tales“ jetzt Hommagen an große Jazztrompeter komponiert. Informationen zur Sendung haben wir für Sie auf unserer Website oe1.orf.at/diagonal gesammelt und das Gespräch mit Elisabeth von Samsonow gibt es auch als Diagonal gefragt Podcast.

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Mod.: Studiotechnik: Christian Gorz, Jakob Kainz und Elmar Peinelt. Gesprochen haben: Elisabeth Findeis, Eszter Holosi, Michael Köppel, Rafael Sas und Irina Wanker. Mit Beiträgen von Magdalena Burghart, Hannah Balber und Erich Klein. Regie: Peter Waldenberger, Redaktion und Präsentation: Ines Mitterer.