Die Frauen-Frage

Das neue Museum gibt es in dieser Form erst seit eineinhalb Jahren, aber es ist schon ein Fixpunkt im Europäischen Kunstgeschehen. Dazu beigetragen haben mutige Programmierungen, brisante Themen und der Anspruch ein Ort demokratischer Debatten zu sein.

Eine Begegnungszone im Zentrum von Warschau – gleich gegenüber dem protzigen Kulturpalast, einst ein Geschenk Stalins und Zeichen sowjetischen Machtanspruchs.

OT Joanna Mytkowska, Direktorin MSN

Als unser Museum vor 20 Jahren konzipiert wurde, war es als eine Art Gegenpol zur eher dunklen Geschichte des Kulturpalasts gedacht. Glücklicherweise hat sich das Zentrum von Warschau inzwischen zu einem wirklich lebendigen Ort entwickelt, an dem sich viele Menschen aufhalten und zahlreiche Aktivitäten stattfinden. Auch der Kulturpalast hat heute ein großes kulturelles Angebot mit mehreren Theatern und Kinos und die Stadt Warschau hat auch in die Renovierung des Hauptplatzes investiert.

 

Das Erdgeschoss ist durchlässig, man kann es durchqueren ohne Eintritt zu bezahlen.

Erst wer das spektakuläre Stiegenhaus, hier eine Stunde vor der Öffnung, hinauf will zu den Ausstellungen, braucht ein Ticket.

Geplant und gebaut wurde das Museum Moderner Kunst Warschau nach vielen Jahren heftiger Diskussionen schließlich von New Yorker Architekten: Thomas Phifer and Partners.

Sie bauen hinter dem weissen Museumsblock jetzt auch einen schwarzen Monolith – ein neues Theaterhaus.

 

OT Joanna Mytkowska, Direktorin MSN

Das ist „the place to be“ gerade in Warschau, ein Luxus, dass unser Haus hier gebaut werden konnte.

 

Polen spart gerade nicht bei der Kultur und leistet sich auch radikal gedachte und edel bestückte Ausstellungen wie „The Woman Question“.

OT Joanna Mytkowska, Direktorin MSN

Wir verstehen uns als Museum, das sich mit den Themen Frauenkunst, Feminismus und Gleichberechtigung in der Darstellung und auch in der Sammlung beschäftigt. Aus dem Grund und auch im Zusammenhang mit der politischen Diskussion über Frauenrechte in Polen erscheint es uns wichtig, diese Ausstellung gleich in der Eröffnungsphase des neuen Gebäudes zu zeigen.

 

Frauen gab es ja schon immer in den Museen, nur eben auf den Bildern und gern nackt.

Hier nehmen die Ladies ihr Bild in die eigene Hand. Kanons und Geschichtsmythen werden dabei lustvoll entsorgt. Hiess es doch lange, dass Kunst aus Frauenhand unmöglich neben der Produktion der Herren der Schöpfung bestehen könne – weshalb gerade die Bilder Alter Meisterinnen gern ihren Vätern oder Brüdern zugeschrieben wurden.

 

Voilá: hier wird Kunstgeschichte neu geschrieben.

OT Alison M. Gingeras, Kuratorin

 

Wir wissen, dass Frauen schon immer in der Kunst vertreten waren, als Motive, und dass der weibliche Körper dabei dem Vergnügen der Männer diente. Aber hier haben wir all diese unterschiedlichen Sichtweisen auf den Körper, die von den Künstlerinnen selbst zurückerobert werden. Sie sind ihre eigenen Musen, wie im Fall von Celia Paul, der Ex-Partnerin und „Muse“ von Lucian Freud,  oder sie zeigen Frauen, die andere Frauen begehren und den Körper auf eine Weise darstellen, die schon einmal von den ikonischen Beispielen männlicher Künstler abweichen kann.

 

Wer sexualisierte Gewalt am eigenen Körper erfahren hat, malt bedrohte Frauen anders als die berühmten männlichen Kollegen. Das ist Angelika Kauffmanns Lucretia.

Und Artemisia Gentileschi’s „Susanna“ ist kein sexy Pin-up. In der biblischen Geschichte der „Susanna im Bade“ haben es zwei hochrangige Würdenträger auf die junge Frau abgesehen. Die Malerin selbst war als junge Frau vergewaltigt worden – und hatte in ihrer Kunst keinen Bock auf erotische Anspielungen.

 

Als Thema ist Gewalt gegen Frauen ein Dauerbrenner. Künstlerinnen wie hier Yoko Ono setzen ihre Kunst dagegen. In ihrem berühmten Cut Piece, überläßt sie dem Publikum eine Schere – das kann damit tun, was es will. Hauptsächlich Männer griffen damals zu ….

 

Da kann einer dann schon einmal der Säbel ausrutschen ….

 

All dieses Aufzeigen, Anklagen, Kämpfen und Sich-selbst-behaupten müssen – sollte das nicht alles schon längst Geschichte sein?

 

OT Alison M. Gingeras, Kuratorin

Die Ausstellung entstand nicht zufällig in einer Zeit, in der feministische Fortschritte zunehmend in Frage gestellt werden. Ich komme aus den Vereinigten Staaten. Wir haben einen Präsidenten, der per Dekret verfügt hat, dass wir die Begriffe Feminismus, Frau und Geschlecht in Regierungsdokumenten nicht verwenden dürfen. Ich meine, es gibt eine Auslöschung, die Tradwifes sind zurück, diese Archetypen. Und Frauen haben diese Frauenfeindlichkeit auch verinnerlicht und spielen mit, sodass wir in einer sehr komplexen Lage sind, trotz der vielen Jahrzehnte und Jahrhunderte, in denen es den Feminismus schon gibt.

 

Geburt, Mutterschaft, Abtreibung – wenn es um reproduktive Selbstbestimmung geht, zeigt eine Gesellschaft ihr wahres Gesicht und zeigen Künstlerinnen nicht das Ideal – Madonna mit Kind – sondern die Realität. Da geht es um Wissen und Erfahrung. Blut und Tränen inklusive wie hier bei Frida Kahlo. Kahlo hatte 3 Fehlgeburten erlitten.

 

Um das Recht auf Abtreibung hingegen kämpfen die Polinnen schon jahrelang. Im Land herrscht eines der strengsten Abtreibungsgesetze überhaupt. Bei den letzten Wahlen haben sie zwar noch nicht ihr Ziel, aber doch einen politischen Umschwung bewirkt.

 

OT Karolina Gembara, Kuratorin

Normalerweise sind es Frauen, die Veränderungen wollen und vorantreiben! Vor drei Jahren haben die Frauenstreikbewegung und alle Menschen, die sich für legale und sichere Abtreibungen einsetzen, die rechtspopulistische Regierung aus dem Amt gewählt. Das ist gelungen. Es gab auch ein Versprechen der jetzt amtierenden liberalen Regierung, das Abtreibungsgesetz innerhalb der ersten 100 Tage ihrer Amtszeit zu liberalisieren, aber das ist wiederum nicht geschehen.

 

In der zeitgenössischen Sektion der Ausstellung gehen Aktivismus und Kunst Hand in Hand und entfalten ihre Wirkung weit über das Museum hinaus. Künstlerinnen helfen Frauen dabei, Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zu bekommen, stellen Informationen bereit, besorgen Abtreibungspillen, sammeln Geld oder liefern Protestmaterial.

 

OT Karolina Gembara, Kuratorin

Unser „Archiv öffentlicher Proteste“ hat die Aufgabe, den Menschen Protestbilder zur Verfügung zu stellen, damit sie sie ausdrucken und in ihren Fenstern oder auf ihren Balkonen aufhängen können. Wir versuchen, künstlerische Gesten in ein sehr einfaches, aber nützliches Werkzeug zu verwandeln, etwas, das man jeden Tag nutzen kann.

 

„Angewandte Kunst“, sozusagen, nicht nur rund um den Internationalen Frauentag …

OT Alison M. Gingeras, Kuratorin

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier in Polen ihre Rechte nicht als selbstverständlich wahrnehmen und dass es hier wirklich einen großen Wunsch nach einer Ausstellung wie dieser gibt. Ich denke, dass es auch in den USA einen Wunsch nach einer solchen Ausstellung geben würde, aber derzeit wäre es unmöglich, sie zu realisieren.

 

Das aktuelle Polen traut sich hingegen, finanziert und verantwortet. Ein Lichtblick in düsteren Zeiten für die „Frauenfrage“.