Marina Abramović – die unerbittliche Schmerzensfrau der Performance

Wer 1997 auf der Biennale in Venedig war, dem jagt der Gedanke an dieses Bild und diesen Ton noch heute die Gänsehaut über den Körper. Da sitzt Marina Abramović im finsteren Keller inmitten eines Knochenberges, schabt mit einer scharfen Klinge stinkende Fleischreste von einem Rinderknochen und singt dazu Partisanenlieder aus ihrer Kindheit. Für „Balkan Baroque“, ihre Reaktion auf den Jugoslawienkrieg, bekam die 1946 in Belgrad geborene Künstlerin dann auch den Goldenen Löwen. Eine von vielen Auszeichnungen – eine von vielen Ausstellungen an den wichtigsten Kunstorten der Welt.

Marina Abramović hat Hochkonjunktur, ihre Biografie verwandelte Theaterikone Bob Wilson in ein Theaterstück, die Performance erlebt eine Renaissance.

Abramovićs Kunst geht unter die Haut – die der Künstlerin, die des Publikums. Sie nimmt den Schmerz bei ihren Performances nicht in Kauf, sie sucht ihn. Sie ritzt sich den roten Stern ihrer kommunistischen Jugend in die Bauchdecke, sitzt mehr als 700 Stunden bewegungslos auf einem Sessel im MOMA, oder liegt nackt auf Eisblöcken oder in einem brennenden Ring. Sie trennt sich von ihrem langjährigen Lebenspartner Ulay, indem sich die beiden 90 Tage lang aufeinander zu bewegten, wobei das Treffen am Ende den endgültigen Abschied bedeutete. „Bei lebendigem Leib“ setzt sich die inzwischen 66-jährige der Gewalt dieser Gesellschaft, den Zumutungen dieses Lebens aus. Voll Pathos, Leidenschaft und traumhaft/albtraumhaft schönen Bildern, in die sie ihren – oft nackten – Körper immer wieder zwingt. Bei gleichbleibender Intensität bis heute.

Marina Abramovic über Kunst
In der Kunst geht es um Leben oder Tod! das hört sich vielleicht melodramatisch an, aber das ist wahr! Was immer du tust, du musst es zu 100% tun. Das Publikum spürt Unsicherheit, Unent-schlossenheit, spürt, wenn du Angst hast. Wenn ich aber 100 % gebe, dann bin ich jenseits der Kritik. Du kannst es mögen oder nicht, aber es ist alles, was ich geben kann.

Marina Abramovic über den Beruf
Wenn ich jetzt auf diesen Langstreckenflügen unterwegs bin und mein Sitznachbar fragt mich, was ich arbeite, sage ich immer: ich bin eine Krankenschwester aus Neuseeland. Damit ist die Konversation dann meistens beendet. Was soll ich sonst sagen? Ich liege nackt auf Eisblöcken, schneide mir den kommunistischen Stern in die Bauchdecke und verletze mich bis ich blute – das kann man normalen Menschen doch nicht erklären!!

Marina Abramovic über Räume:
Es ist interessant, dass ich mich immer von drei Arten von Räumen angezogen fühle: Kloster, Sanatorium und Gefängnis. Und in allen dreien gibt es Einschränkungen für den Körper. Man bekommt das Essen nur zu bestimmten Zeiten, die Bekleidung ist vorgeschrieben, der Schlafplatz und -zeiten festgelegt. Und diese strikte Regelmäßigkeit, die den Körper betrifft, läßt deinen Geist frei werden, be-freit ihn. Natürlich kommt man nicht freiwillig ins Gefängnis, beim Krankenhaus geht man davon aus, dass man krank ist, also ist das Kloster die beste Wahl. Ich habe das Museum als Tempel gewählt.

 

INTERVIEW: 

IM: Sie sind eine Kunstextremistin, eine Performanceextremistin, hatten Sie nie Angst dabei, ständig ihre Grenzen auszuweiten?

MA: Aber die Angst bringt mich doch gerade dazu, das zu tun! Wenn ich eine Idee habe und sie gefällt mir, bin ich gleich nicht mehr daran interessiert und verwerfe sie wieder. Aber, wenn ich eine Idee habe und ich habe Angst davor, dann gibt es kein Entkommen mehr. Bei der MOMA Performance „The artist is present“ habe ich mir gedacht, oh mein Gott, ich muss da 3 Monate an einem Platz sitzen. Das war Hölle!! Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, körperlich, emotional… Wie sollte ich mit dem Schmerz umgehen, wenn ich immer nur in einer Position bleibe, nicht auf die Toilette gehen kann. Es war Hölle daran zu denken, aber tief in mir habe ich gewußt, ich muss es machen.

Das ist aber das Interessante: etwas zu tun, wovor du Angst hast, dich selbst immer auf unbekanntes Terrain zu locken, das verwandeln und zu schauen, was passiert. Aber du musst es riskieren, auch wenn das bedeutet, dass du scheiterst.

Rauschenberg hat immer gesagt, du musst dir schon die Arbeit machen, dich selbst immer wieder zu überraschen. Wenn du einen Zugang zu deiner Arbeit schaffst und es ist immer der gleiche, und jeder der von jetzt an bis in 30 Jahren deine Ausstellungen sieht, sagt: oh das ist die Arbeit von dem und dem… das ist so langweilig!!

 IM: Was können sie mir zur Bedeutung von Schmerz und ihren Umgang damit erzählen? Gibt es da einen Unterschied zwischen dem Schmerz, den sie empfinden, wenn Blut fliesst und sie sich vor Publikum schneiden und dem eher stillen Schmerz, wenn sie stundenlang unbeweglich dasitzen?

 MA: Es ist unglaublich, wie sehr das Publikum diese dramatischen Dinge liebt, wenn es Blut sieht  – dabei ist das viel leichter. Diese Performances dauern vielleicht eine Stunde und du hast ein halbes Jahr Zeit, um dich davon zu erholen.

Aber die Dinge, die ich in letzter Zeit mache, die haben mit emotionalem Schmerz zu tun und das ist millionenfach härter zu ertragen. Das hätte ich in meiner Jugend nicht machen können! Damals hatte ich noch nicht diesen Mut, diese Willenskraft, diese Konzentration – ich habe 40 jahre gebraucht, um das zu lernen.

Bei „The artist is present“ – da ist nichts passiert und 1 736 Menschen sind mir in dieser Zeit gegenübergesessen. Sie haben gewartet; drinnen, draussen, haben vor dem Museum geschlafen. Warum? Nicht einmal, um etwas zu sehen, sondern weil dort etwas passiert ist – ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um das zu lernen. Dagegen waren die anderen Performances leicht durchzuziehen.

 IM: Ich erinnere mich, dass ich über eine ihrer Performances in der Galerie Krinzinger in Innsbruck gelesen habe: und Valie Export hätte sie damals irgendwie vor sich selbst gerettet und diese Performance abgebrochen. Waren sie ihr böse deswegen?

 MA: Nein, ich war nicht böse! Aber ich glaube nicht, dass sie mich gerettet hätte! Sie hat einfach die Performance beendet. Aber wenn Sie mich fragen, was eine Performance ist, dann sage ich Ihnen: Performance ist für mich die geistige und physische Konstruktion, die ein Performer für einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit vor Publikum festlegt. Und in diesem Moment entsteht dieser Energie-Dialog. Was immer in diesem Raum zu dieser Zeit passiert, gehört zur Performance. Wenn also der Strom ausfällt, es ein Feuer gibt oder ein Erdbeben, oder jemand das Stück beendet, gehört das zu dieser Arbeit.

Und in diesem Fall, lag ich verletzt zwischen einem Eisblock und einem Heizstrahler und das Publikum fühlte sich so unwohl, nicht nur Valie, auch andere Leute sind gekommen und haben mich etwa mit einem Mantel zugedeckt – das war deren Reaktion und sie haben die Freiheit das zu tun.

Ich glaube nicht, dass ich gerettet wurde, ich wurde in einer anderen Performance gerettet, bei der ich bewußtlos geworden bin. Aber bei der: ich wäre weiter da gelegen, bis ich das Gefühl gehabt hätte, meine Grenze zu erreichen.

Dazu hat auch Bruce Naumann gesagt: „In der Kunst geht es um Leben oder Tod!“ das hört sich vielleicht melodramatisch an, aber das ist war! Was immer du tust, du musst es zu 100% tun. Das Publikum spürt Unsicherheit, spürt Unentschlossenheit, spürt, wenn du Angst hast. Wenn du aber 100 % gibst, dann bist du jenseits der Kritik. Du kannst es mögen oder nicht, aber es ist alles, was ich geben kann.

Gerade erst habe ich hier auf der Biennale einen Film über Michael Jackson von Spark Lee gesehen. Eine beeindruckende Dokumentation!! Jackson hat alles gegeben. Wenn er auf der Bühne war, gab es kein Gramm Energie, das er nicht eingesetzt hätte. Das Publikum gibt dir diese Energie zurück! Aber, wenn sich der Vorhang schließt und das Publikum gegangen ist, weisst du nicht, wie du von diesem Energielevel wieder herunterkommst. Die westliche Gesellschaft hat keine Werkzeuge dafür, wie man diese Energie, die sehr destruktiv sein kann, einsetzen kann, ohne sich selbst dabei umzubringen oder Drogen nehmen zu müssen. Es interessiert mich sehr, wie ich diese Energie nehmen und etwas daraus gewinnen kann, ohne dabei draufzugehen.

IM: Gehen wir kurz zurück zu ihren Anfängen: Sie haben in Belgrad Kunst studiert und gemalt, das dann aber bald sein gelassen. War es Ihnen zu langweilig?

 MA: Das war wirklich ein Prozess. Ich kann mich erinnern, ich habe immer gemalt und gezeichnet, seit ich sieben bin. Überall auf den Wänden des Hauses, auf den Tischen, und dann hatte ich mit 12 die erste Ausstellung. Ich habe meine Träume gemalt, Autounfälle, und dann bin ich auf die Kunstakademie gegangen und habe angefangen Wolken zu malen. Ich erinnere mich noch genau wie ich da eines Tages im Gras gelegen bin und wieder einmal Wolken studieren wollte. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber keine. Stattdessen flogen da 12 Ultraschallflugzeuge hinterliessen ihre Zeichen am Himmel.

Das war für mich fast wie eine spirituelle Erleuchtung! Ich bin sofort aufgestanden und zum Militärhauptquartier gelaufen und habe gefragt, ob ich 12 Flugzeuge haben könnte, um damit zu zeichnen.

Und die haben mich angeschaut, als ob ich total verrückt wäre und haben meinen Vater angerufen, und ihm gesagt: hey, deine Tochter ist komplett verrückt, weisst du, was es kostet, wenn 12 Ultraschallflugzeuge Zeichnungen für sie machen?? Hol sie ab und bring sie nach Hause!! In diesem Moment habe ich gefühlt, was für enorme Freiheit ein Künstler haben kann. Ich brauche nicht im Atelier zu sitzen um etwas Zweidimensionales zu machen, wenn ich Feuer, Wasser, meinen Körper einsetzen kann. Meine ersten Arbeiten waren mit Sound und über den Sound bin ich dann zum Körper gekommen. Und da habe ich schnell verstanden, dass das mein Medium ist.

IM: Wie sind Sie da von der Belgrader Kunstszene aufgenommen worden? Oder wie hat diese Kunstszene überhaupt ausgeschaut?

MA: Ich bin dort nach wie vor nicht akzeptiert. Das ist ein sehr schmerzvolles Thema: ich hatte nie eine Retrospektive in Belgrad, es gibt kein Buch, das über mich dort gemacht worden wäre – es ist wirklich unglaublich. Und am Anfang war das die Hölle! Da hat sich nicht viel verändert. Ich war damals mit dieser Art von Kunst wie die erste Frau, die den Mond betritt. Meine Eltern wurden auf Parteitagen gefragt, was da bei meiner Erziehung alles schiefgelaufen wäre. Alles, was ich gemacht habe, war immer ein Skandal!

Als meine Mutter vor vier Jahren gestorben ist, habe ich ihr Haus geräumt. Ich hatte ihr immer meine Bücher geschickt und die habe ich dann von ihr zensuriert vorgefunden. Sie hat alle Seiten herausgerissen, auf denen ich nackt abgebildet war – von 300 Seiten sind also nur 25 übrig geblieben. Das war die einzige Möglichkeit, den Nachbarn zu zeigen, was ich mache. Und da habe ich auch eingesehen, dass es sehr schwierig ist, zu erzählen, was ich mache.

Wenn ich jetzt auf Reisen meinem Flugzeugnachbar erzählen soll, was ich arbeite, sage ich, ich sei eine Neuseeländische Krankenschwester auf dem Weg zu einer Ausbildung im jeweiligen Land. Das ist perfekt, das beendet jede Konversation. Was kann ich sagen, was ich tue? Nackt auf dem Eis liegen, einen Stern in meine Bauchdecke schneiden, mich verletzen bis ich blute, das kann man den normalen Leuten nicht erklären.

 MA über Ulay: Das war eine große Liebesgeschichte! wir haben so perfekt zusammengepasst. Deshalb war es so furchtbar, als wir auseinandergegangen sind. Für mich war es ein riesiges Problem zuzugeben, dass wir gescheitert waren. Wir waren 12 Jahre zusammen und 9 davon waren die beste Zeit meines Lebens. Wir lebten im Auto ohne Geld, ohne Nichts, nur von der Liebe, und haben Performances gemacht, für die niemand bezahlt hat. Aber das ist ein wichtiges Werk geworden. Und dann waren da die letzten 3 Jahre, die furchtbar waren. Er konnte den Druck nicht ertragen. Er hatte das Gefühl, diesem Bild des idealen Paares nicht gerecht werden zu können. Das war eine komplizierte Geschichte und es hat einfach nicht geklappt. Drei Jahre lang habe ich nach aussen so getan, als ob alles gut wäre, dann habe ich mir gesagt, wenn ich so weitermache, bekomme ich noch Krebs und sterbe gleich. Also haben wir uns getrennt und ich musste wieder alleine arbeiten. Das war für mich ein Rückschritt. Zusammenzuarbeiten und 2 Egos in ein Projekt zu stecken, bei dem es keine Rolle spielte, wer es jetzt erfunden hatte, das war wunderbar. Und dann zu meiner Arbeit zurückzugehen fühlte sich für mich wie Scheitern an. Das konnte ich nur schwer akzeptieren damals. Jetzt interessiere ich mich sehr für das Scheitern. Es ist gut für den Lernprozeß. Es war hart: große Liebesgeschichte, und große Trennung mit all dem Drama, das dazu gehört. Perfekt für einen Film.

 MA über ihren Biennale Beitrag in Venedig: Es ist wirklich interessant, wie das angefangen hat. Wir hatten 1968 diese Studentendemos, und in dieser Zeit verlangten wir von Tito die Erfüllung von 13 Punkten. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, besseres Essen auf den Unis und so weiter und wir wollten das Gebäude haben, das später zum Studentenkulturzentrum geworden ist. Es war mitten in Belgrad und von der Geheimpolizei für Freizeitaktivitäten genutzt, also die haben da Karten gespielt und ihre Frauen haben gestrickt und sich Gossip erzählt. Dieses Gebäude wollten wir haben. Tito hat dann nur 4 von den Punkten erfüllt und einer davon war das Kulturzentrum. Die Kunsthistorikerin Dunja Blaschevic wurde als Direktorin eingesetzt und sie war die Tochter des kroatischen Ministers zu der Zeit. Dadaurch waren wir in Sicherheit.

Sie war ziemlich Avantgarde. Sie fuhr auf die Documenta und sie brachte all diese fantastischen Künstler und Kritiker nach Belgrad, und weil sie eben die Tochter dieses Politikers war, konnte uns nichts passieren. Wir konnten dort also tun, was wir wollten, aber gleichzeitig war es auch egal, weil wir komplett isoliert waren.

Der Wiener Aktionismus zum Beispiel hatte eine ganz andere Aufmerksamkeit – mediale, politische. Wir konnten sogar politische Arbeiten machen, aber niemand würde darüber schreiben. Wir waren also relativ frei, aber auch isoliert.

IM: Danach sind Sie ja bald weggezogen aus Belgrad, nach Amsterdam – wie haben Sie das erlebt, als Yugoslawien auf so brutale Art und Weise auseinandergebrochen ist? Ich habe hier in Venedig 1997 eine wichtige Arbeit von Ihnen dazu gesehen: Balkan Baroque. Waren das nostalgische Gefühle, oder Entsetzen….??

MA: Ich war in Amsterdam als Tito gestorben ist. Und da gab es eine 4 Stunden live Übertragung von seinem Begräbnis. Alle Präsidenten der Welt waren dort, aber auch die Bauern vom Land draussen oder die Städter – sie haben geweint und ich erinnere mich, dass ich das mit einer Freundin angeschaut habe, die auch von Belgrad ist, und wir haben ein kleines Ritual daraus gemacht, uns dieses Begräbnis anzuschauen und wir haben auch geweint und ich hatte das Gefühl, dass damit etwas zu Ende war, was nicht wiederholt werden kann.

Das war so ein unglaublicher Moment, alles, was danach gekommen ist, hat mich nicht überrascht. Als Tito gestorben ist, ist für mich alles gestorben: meine Kindheit, meine Erinnerungen, alles. Als der Krieg begonnen hat, habe ich tiefe Scham empfunden. Die Leute haben angefangen zu sagen: „Ich bin aus Serbien, ich bin aus Montenegro ….“  Ich will das nicht! Ich bin von Ex-Jugoslawien!! Und dieses Land gibt es hier nicht mehr. Ich will keiner dieser Republiken zugeordnet werden.

Ich empfand diese Scham über das Töten, ich hasse Gewalt. Ich erinnere mich dabei immer an diesen wundervollen Satz vom Dalai Lama: „Erst wenn wir lernen zu vergeben, können wir das Töten beenden.“ Aber unser Land ist weit davon entfernt, vergeben zu können. Da ist noch alles durcheinander!

Danach wurde ich sofort gefragt, ob ich nicht mit einer Arbeit darauf reagieren könnte – aber ich konnte nicht! Erst als mich der Kulturminister von Montenegro dann gefragt hat, ob ich nicht Montenegro auf der Biennale in Venedig vertreten wolle, habe ich diese Arbeit „Balkan Baroque“ vorgeschlagen bei der ich stinkende Rinderknochen putze und dazu Partisanenlieder singe. Der Minister hat dann gesagt, das wäre eine schreckliche Arbeit und dass es viel bessere Künstler im Land gäbe als mich und dass es wirklich ein Desaster wäre, es zu zeigen. Er hat mich also ein- und dann wieder ausgeladen.

Ich war soooo verletzt. Dann hat der Direktor der Biennale Germano Celant gesagt: wir wollen diese Arbeit unbedingt für die internationale Ausstellung und ich habe dann den Goldenen Löwen dafür gewonnen – der Minister von Montenegro hat mir nicht einmal gratuliert!!!

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MA über Kunst und Spiritualität: Das war die Aufgabe bei dieser Performance: meinen Körper und meinen Geist in der Gegenwart zu halten. In diesem Moment gibt es dann keine Zeit. Wenn du das dann erlebst, entsteht eine andere Energie in dem Raum, als würde man Moleküle austauschen. Und jeder, der dir gegenüber sitzt, kann das fühlen.

Als ich dieses 3-Monats-Stück beendet hatte, habe ich ganz anders gedacht als vorher: wie lange werde ich noch leben? Welche Botschaft möchte ich hinterlassen? Was wird mein Vermächtnis sein? Ich habe meinen Alltag entrümpelt, mein Privatleben von all dem Bullshit befreit, ich habe wirklich wichtige Veränderungen vorgenommen.

IM: Bewegungslos zu sitzen ist eine buddhistische Praxis – wieviel buddhistisches Gedankengut steckt in ihren Performances?

MA: Abgesehen von den Buddhisten, haben sich auch Kafka oder Rilke in ihren Schriften zu diesem Zustand des Nichtstuns geäussert! Das ist wunderbare Literatur, wenn Kafka beschreibt, dass die ganze Welt vor einem erscheint, wenn man länger an einem Tisch einfach sitzt.

Wir wollen immer etwas tun. Wir wollen uns immer bewegen, wir glauben immer, sitzen bedeutet faul sein. John Cage hat immer gesagt, dass alles erst mit der Langeweile beginnt.

Das Problem in unserem Leben ist, wir haben keine Zeit für Nichts, wir haben keine Zeit dafür, wieder mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Wenn du aufwachst bist du schon mit Gadgets beschäftigt: dem Handy, SMS, Telefonaten.

Ein wunderbarer Lehrer, ein tibetischer Lama sagte einmal zu mir: wenn du in der Früh aufwachst und voller Energie bist, dann rennst du normalerweise herum und verbrauchst sie ganz und kommst am Abend erschöpft nach Hause. Warum versuchst du nicht, wenn du aufwachst, dich einfach auf einen Stuhl zu setzen und den ganzen Tag über nichts zu tun? Und schau, was mit dieser Energie passiert! und beobachte! Ich habe das öfter gemacht und es ist so erstaunlich!! Und ich rate jedem, der dieses Programm hört, das wenigstens einmal im Leben auszuprobieren!

IM: Sie machen diese anstrengenden Performances jetzt schon seit vielen Jahren. Ich habe das Gefühl, dass es derzeit eine Art Renaissance der Performance Kunst gibt, vielleicht auch wegen ihrer Ausstellung im MOMA. In den 60er und 70er Jahren gab es viele Performance Künstler, die haben dann aber aufgehört. Aus verschiedenen Gründen, einer ist sicherlich ein finanzieller – Performance läßt sich nicht verkaufen, aber ich denke es gab auch psychische Gründe. Günter Brus etwa hat gesagt, er musste aufhören, weil er sonst verrückt geworden wäre. Was gibt Ihnen die Kraft, die Energie, da immer noch weiter zu machen?

MA: Performance ist eine immaterielle Kunstform. Und ich glaube immer, Performance ist wie ein Phoenix, der seiner eigenen Asche entsteigt und wieder brennt und wieder seiner Asche entsteigt. Performance hat so viel mit unserer Gesellschaft zu tun. Wann braucht die Gesellschaft Performance? und wann nicht? Und ich glaube, dass Wirtschaftskrisen immer den Bedarf an Performances aufzeigen. Einfach auch deshalb, weil man sie nicht verkaufen und auch nicht kaufen kann. In der Kunst geht es um Energie, darum, den menschlichen Geist auf ein anderes Niveau zu heben, und so …. Leider ist Kunst in den letzten Jahren zur Commodity verkommen, zur Geldanlage und sie hat viel von ihrem ursprünglichen Sinn verloren.

 

Marina Abramovic im wordrap:

IM: Disziplin: MA: Freiheit

IM: Ehrgeiz: MA: Warten Sie, das ist nicht leicht: Ehrgeiz?….heisst, die Kontrolle verlieren.

IM: Schwäche: MA: Mut

IM: Schönheit: MA: Schönheit – das erste woran ich denke ist: Vergänglichkeit

IM: Tod: MA: Neues Leben.