Daumen rauf, Daumen runter – reicht das? Zum Thema: Kritik.

Die Zeiten der großen Kritikerarena des „Literarischen Quartetts“ mit Marcel Reich-Ranicki und seinen caesarischen Urteilen sind Geschichte. Heute wird schnell und haufenweise geliked oder auch nicht. Daumen rauf, Daumen runter – so leicht geht das. Die professionelle Literatur- oder Kunstkritik ist wieder da, wo sie nach der Meinung vieler hingehört: nicht in der Arena, sondern im feinen Zirkel der Auskenner, beim Bachmannpreis, in Fachmagazinen oder in den Feuilletons der besseren Zeitungen. Aber auch da ist sie am Verschwinden.
Aus ökonomischen Gründen, sagt man. Wer wagt heute überhaupt noch ein Urteil? Eines, das über momentane Geschmacksempfindlichkeiten hinausgeht und anregt, aufregt, gültig ist? Wie bewertet man die Hervorbringungen von Kunst, wenn jeder Kanon längst gesprengt ist? Und wer braucht Kritik?

In der Gesellschaft ist „kritisches Denken“ oder Kritik üben das Gebot der Stunde. Kein Parteitag, der mit Kritik an den anderen spart, kein Festival, das sich nicht seines kritischen (Kapitalismus-, Politik-, Konsum-, Umweltschutz-) Denkens rühmt – doch was bringt das? Oft nicht den Impuls, Missstände zu beseitigen, sondern vielmehr ein Festbeißen in den Fehlleistungen der anderen. Da führt kein Weg hinaus. Deshalb schlägt Publizist Thomas Edlinger auch in seinem Buch „Der wunde Punkt“ ein Nachdenken über „postkritische“ Zeiten vor, die deshalb längst nicht postintellektuelle Zeiten sein müssen. Die Klingen der Denkwerkzeuge sind also geschärft. Kritische Stimmen willkommen!

Kunst-Fest: Die Biennale von Venedig

Kunst-Fest: Die Biennale von Venedig

Die Mutter aller Biennalen, jene von Venedig, geht heuer in die 57. Runde und verspricht ein Fest der Künste.
„Viva Arte Viva“, also „es lebe die Kunst“ ist das Motto, das Christine Macel, die französische Chefin der Weltkunstschau, ausgerufen hat. Doch reicht es, wenn sich die Kunst in Zeiten globaler Krisen selbst feiert?
Wären nicht explizit politische Positionen gefragt? Nein, gerade jetzt sei es wichtig, sich auf das Potential der Kunst zu konzentrieren, unterstreicht Macel. Denn anstatt das System, die Politik und den Kapitalismus zu kritisieren, sei es zielführender zu beobachten, wie Künstler_innen die Ärmel hochkrempeln und Probleme lösen.

Dafür hat sich die Chefkommissärin 120 Künstler_innen geholt, ein Großteil von ihnen präsentiert sich zum ersten Mal auf der Biennale. Zu der Handvoll „big names“ zählen der Island-Däne Olafur Eliasson und der Brasilianer Ernesto Neto. Mit einer zentralen Arbeit von Franz West ist nur ein einziger Österreicher in der Hauptausstellung repräsentiert.

Nachdenklicher als zuletzt, konzentriert auf das Essentielle und Zeitlose, hat Macel diese internationale Werkschau konzipiert. 86 nationale Pavillons in den Giardini und zahllose Kunstevents rund um die Biennale verwandeln Venedig – das gewöhnlich nicht mit Zeitgenossenschaft glänzt – temporär zur Welthauptstadt der Gegenwartskunst. Im Österreich-Pavillon stellt Erwin Wurm einmal mehr Sehgewohnheiten auf den Kopf.

Auch wenn die Biennale keine Verkaufsausstellung ist, findet hier doch so manches Werk einen neuen Besitzer, der Marktwert von Künstler_innen kann hier rasant in die Höhe schnellen. Über den Verkaufswert eines Kunstwerks wird dann am Pool des Luxushotels Cipriani oder in Edelboutiquen der Stadt diskutiert.
Mit Claudia Teissig.

Hot-Spot: Kunstmetropole L.A.

Über die Filmmetropole, die ihr erstes Kunstmuseum erst in den 1960er-Jahren aufgesperrt hat, ist der Kunsthype hereingebrochen. Kunstschaffende und Kunstinteressierte sind nach L.A. gekommen, um zu bleiben. Milliardäre bauen sich Ausstellungshäuser, fähige Museumsdirektoren erweitern Raum und Angebot, europäische Topgalerien haben sich an der Westküste angesiedelt, um ihren Künstlern und Käufern den Weg an die Ostküste oder nach Europa zu ersparen.
Die Kunstwelt in Los Angeles ist im Aufbruch. Der kultur.montag war in Los Angeles, dem neuen Berlin: attraktiv für Künstler, Sammler und hippes Volk wie die deutsche Hauptstadt in den 1990er-Jahren.

Kultur-Hauptstadt: Der Glanz von Donostia/San Sebastián

Einstiger Treffpunkt von Künstlern, Aristokratie und Hautevolee
Die baskische Metropole San Sebastián hat ein düsteres und ein heiteres Gesicht:
Einst Treffpunkt der Aristokratie und Hautevolee, später Epizentrum des ETA-Terrors, heute kulinarisches Mekka – und europäische Kulturhauptstadt 2016.
Die Habsburgerin Maria Christina erkor die Stadt zum royalen Seebad, das so schnell zum magischen Anziehungspunkt für die Schönen und Schillernden wurde: Mata Hari nahm hier Aufträge an, Leo Trotzki saß am Spieltisch im Casino, griff in die Tasten.
Bürgerkrieg und Diktatur – General Franco hatte hier seine Sommerresidenz – bereiteten dem bunten Treiben ein jähes Ende. Geblieben sind prachtvolle Belle Epoque-Gebäude und das Flair einer versunkenen Welt. Die Wunden der Stadt – hier wütete die ETA besonders haltlos – sind noch nicht verheilt.

Marathon – das XXL-Format

Mehr als 50.000 waren es das letzte Mal in New York, und sogar in Wien sind mehr als 42.000 Menschen mitgelaufen. Aus dem Marathonlauf, der Königsdisziplin der Olympioniken, wurde ein Massenphänomen. Dabei passt das doch nicht wirklich zu unserer kommoden Spaßgesellschaft: sich mit Kohlehydratbomben und Blut in den Schuhen auf die Bewältigung von 42,195 Kilometer hinzutrainieren.

Was macht den Appeal dieser extremen Belastung aus, wenn man nicht zum Leichtathleten geboren ist? Das „Hinaus-aus-der-Komfortzone“-Gefühl? Das in Riesenwellen ausgeschüttete Endorphin? Die heldenhaften Anekdoten, die sich über die Extremerfahrung danach erzählen lassen? Wohl von allem ein bisschen.

Die extreme Dauer – das Extreme spielt sicher eine Hauptrolle, beim Laufen genauso wie bei außergewöhnlichen Theater-, Film- oder Tanzperformances, die sich über Stunden und Stunden und Stunden ziehen. Interessant in einer Zeit, da uns eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne diagnostiziert wird, Berichte in Radio und Fernsehen und Zeitungsartikeln aus diesem Grund immer kürzer werden.

Was ist so attraktiv am zeitlichen XXL-Format, bei dem die Vernunft langsam einschläft, das rationale Denken ausrinnt und sich dafür möglicherweise Türen zu anderen Bewusstseinsebenen auftun. Jelineks Sportstück: Sechs Stunden, Peter Steins Faust-Inszenierungen: 21 Stunden, Jan Fabres „Mount Olympus“ bei den heurigen Wiener Festwochen gar 24 Stunden, 24 Stunden Ulysses auf Ö1 – solche Erlebnisse vergisst man nicht. Die Diagonal-Redakteure komprimieren das „Phänomen Marathon“ auf knapp zwei Stunden Sendezeit – mit dem Training haben sie natürlich schon begonnen.

Stadtporträt Havanna. Warten auf den Wandel.

mit Johann Kneihs und Thomas Mießgang

Plötzlich wollen alle hin. Jahrzehntelang gab die kubanische Hauptstadt das Bild der verfallenden Schönen, unverdorben vom kapitalistischen Weltgeschehen, arm aber stolz, kultiviert und ach so musikalisch! Jetzt, nach ersten Schritten zur Lockerung des US-amerikanischen Handelsembargos, das die Insel seit Jahrzehnten im Schwitzkasten gehalten hat und der Möglichkeit für die Habaneros, eigene kleine Restaurants oder Läden zu eröffnen und damit an „richtiges“ Geld heranzukommen – jetzt bewegt sich langsam etwas unter der Staubdecke der immerwährenden Revolution. Ausländische Investor/innen stellen sich an, um die Segnungen der Zivilisation in Form von Hotelanlagen, Golfplätzen und Ferienressorts in die einstige „Perle der Karibik“ zu bringen. Viele Kubaner/innen dagegen hoffen auf wirtschaftlichen UND politischen Wandel. Denn nach wie vor sind Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein heikles Thema, das öffentlich nur sehr zaghaft diskutiert wird. Trotzdem: Man riecht karibische Frühlingsluft in der kubanischen Hauptstadt, die Millionen Touristen bisher so geschätzt haben, weil sie eben mit keiner anderen Großstadt der Welt vergleichbar war: keine Logos, keine internationalen Ketten, dafür Schlitten aus einer Zeit, in der Automobile noch Charakter hatten. Koloniale Pracht und städtebaulicher Notstand Tür an Tür. Kommen jetzt zeitgenössische Glas-Beton-Wolkenkratzer dazu? Wohin entwickelt sich Havanna? Die Momentaufnahme einer Stadt am Beginn einer neuen Ära.

Schwarz und Weiß und nichts dazwischen.

Viele Farben Weiß sieht der Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal, wenn er sich weißes Porzellan anschaut. Seine eigenen Stücke oder antike, egal. Der Autor von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „The White Road“ und beschreibt den Weg der Porzellanproduktion über die Jahrhunderte. Weiß spielt darin eine zentrale Rolle. Der Clou: Weiß kitzelt das Auge nur, befriedigt es nicht, ist eine Handlungsaufforderung, eine Projektionsfläche, verweist auf eine andere, lichtere Welt, macht auch Angst. Das weiße Blatt Papier, die weiße Leinwand, der „white cube“ in der Kunst. Weiß verspricht Neutralität und Funktionalität – es ist die Lieblingsfarbe der Moderne.
Schwarz hingegen gehört den Romantikern und Existentialisten, vom Schauerroman des 19. Jahrhunderts bis zum poetischen Realismus des Film noir. Schwarz und Weiß, die Antagonisten werden im Glücksfall zu Partnern, wenn es um Erkenntnisse geht, wenn man den Tag von der Nacht zu unterscheiden lernt und das schwarz auf weiß niederschreiben kann. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich in Schwarz-Weiß-Denken einzementiert. Im heutigen Europa der schwindenden Gewissheiten scheint diese Entweder-oder-Haltung die Gesellschaft zu spalten: in pro und contra EU, Flüchtlinge, Griechenlandhilfe, … Ist die Farbe Grau etwa doch unterbewertet?

Helfen. Gut, oder nur gut gemeint?

Es war wohl das überraschendste und beeindruckendste Phänomen des Jahres 2015: Tausende Menschen in Österreich erwarten plötzlich nicht mehr, dass der Staat alles regelt. Sie kaufen selbst Lebensmittel ein, Gewand, Decken, Schlafsäcke, Medikamente. Sie bezahlen Zugfahrkarten, organisieren Dolmetscher und Quartiere. Rufen andere via soziale Medien zum Handeln auf, zum Helfen. Zigtausende Flüchtlinge, die mit nichts in Österreich anlanden, müssen versorgt werden.

Die staatlichen Institutionen sind überfordert. Die Zivilgesellschaft übernimmt das Ruder. Eine Trendwende? Was bringt die Menschen dazu, anderen in der Not zu helfen? Spiegelneuronen? Erziehung? Religion? Vorbilder in der Gesellschaft? Die meisten Wohltäter/innen, ob Ute Bock oder Cecily Corti, die sich für Flüchtlinge oder Wohnungslose einsetzen, sind weniger Romantiker/innen als Pragmatiker/innen. Oder vielleicht hat sie auch erst die jahrelange Arbeit mit Bedürftigen dazu gemacht.

Wer ethisch handelt, steigert sein Selbstwertgefühl, sagen Wissenschafter wie der australische Philosoph Peter Singer. Helfen also Selbstzweck? Das werfen viele unter anderem auch der Entwicklungszusammenarbeit vor, die zwar nicht mehr „Entwicklungshilfe“ heißen darf, aber trotzdem noch oft als Gestus der Gnade ärmeren Ländern gewährt wird. Sie ist im besten aller Fälle gut gemeint, aber gut? Richtig helfen ist eine richtig schwierige Aufgabe. Aber, Achtung: Das ist keine Ausrede dafür, sich lieber nicht zu engagieren. Schon gar nicht so kurz vor Weihnachten!

Verweigerung. Nicht mit mir!!!!

Auch wenn es dann letztlich nicht ganz so geklappt hat: „yes we can“ ist trotzdem das Gebot der Stunde. Wir können alles, überall, immer – bis wir nicht mehr können. Die Leistungsgesellschaft erhebt die Selbstoptimierung zum Imperativ. Wir brauchen kein Foucaultsches „aussen“ mehr, das uns bewacht und bestraft, wenn wir nicht genug leisten. Wir bestrafen uns selbst in unserer multiplen Rolle als Treibende und Getriebene. Dieser „Exzess der Leistungssteigerungführt zum Infarkt der Seele“, schreibt der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay „Müdigkeitsgesellschaft“. Und rät zum Aussteigen, zur Verweigerung. Sein Vorschlag, der gleichzeitig Analyse unserer Hochdruckgesellschaft ist: erlauben Sie es sich, müde zu sein, nicht zu können, nicht mitzumachen! Tatsächlich entziehen sich immer mehr dem Appell der permanenten Verfügbarkeit und Aufmerksamkeitshascherei – auch jenseits von Digital Detox Camps, die lehren, wie man einmal ein paar Tage ohne seine elektronischen Prothesen auskommt. Künstler geben keine Interviews, Schriftsteller wie Patrick Süßkind verweigern sich der Öffentlichkeit, die einen geben ihr Mobiltelefon ab, die anderen leben ohne Geld.
Verzicht und Rückzug seien kein Weniger sondern ein Mehr, ein Gewinn, erfährt man von den Betroffenen, so sie sich nicht auch unseren Interviews verweigern …..